Nah dran an der Operette

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Schwarzwaldromantik der unheimlichen Art: Peter Sidhom, Marcus Hosch und Ingrid El Sigai (von links) in einer Szene aus „Le Villi“

Die Liebe ist Opern-Thema Nummer eins. Doch Einakter verschiedener Komponisten bedürfen einer Klammer. Sandra Leupold lässt die Verismo-Ableger „L’oracolo“ und „Le Villi“ der Zeitgenossen Franco Leoni und Giacomo Puccini in einer TV-Arena abspulen und nimmt die Nähe zur Operette in Kauf. Von Klaus Ackermann

Dass dieser Überbau nicht zum Kalauer verkommt, davor bewahren an der Oper Frankfurt ironische Distanz zum Spiel im Spiel und Sänger wie Annalisa Raspagliosi und Carlo Ventre, die sich trotz Kamera und Leinwand nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. Mancher Premierenbesucher fühlte sich indes intellektuell unterfordert: Es hagelte Buhs.

Publikum auch in der Arena, das zum zupackenden Chor mutiert oder Polonaise tanzt. Die TV-Aufzeichnung ist perfekt geplant. Angeheizt von Pin-Up-Girls und den Moderatoren Ingrid El Sigai und Marcus Hosch, die mit eingefrorenen Lächeln den Krimi aus Chinatown ansagen, der sich auf einer Drehscheibe mit putzigen Kulissen vollzieht (Ausstattung: Heike Scheele). Um einen Opiumhändler, der sich Liebe, Geld und Ansehen von der Entführung eines Jungen (Tobias Jantsch) verspricht, um sich dann als Retter aufzuspielen. Zudem entledigt er sich nach einem Prügel-Stunt seines Nebenbuhlers. Bariton Peter Sidhom gibt diesen Cim-Fen als kühlen Gangster, der vorab gerädert wird, bevor ihn der weise Arzt (Ashley Holland mit eindringlichem Bariton) entlarvt. Nicht zu vergessen der stimmlich charaktervolle Franz Mayer als Kaufmann und die malträtierte Amme Katharina Magiera.

Viele Verfremdungseffekte machen die Hinrichtung des Schurken zur Lachnummer; nicht im Einklang mit Leonis Musik, die eher verhalten per Celesta, Pentatonik und Tamtam China beschwört. Dafür besitzt sie neben naturalistischen Pointen wie Wehgeschrei und Schiffssirene dramatischen Durchzug, den Dirigent Stefan Solyom mit dem Museumsorchester energisch schärft, pastellfarbene Morgenstimmung inklusive. Wie sich allerdings das Kamerateam bei seelenvoller Innenschau einmischt, ist ärgerlich.

Zum Glück blendet Leupold das Brimborium während der Liebesszenen aus, für die Tenor Ventre und Sopranistin Raspagliosi zuständig sind. Auch in „Le Villi“, Geister betrogener Frauen, auf deren Schwarzwald-Herkunft bereits Häusle und Hahnenschrei im „Oracolo“ einstimmen. Markttreiben im Walzertakt, der von Matthias Köhler einstudierte Chor mit Vorwärtsdrang, Frauen in Dirndl-Anmutung – eine exotische Welt für den jungen Puccini, der in den Anstiegen schon seine Kantilenen probt.

Noch am 8., 11., 17., 29. und 31. Oktober

Ein Fest fürs Orchester, das jetzt besser die Balance zur Bühne hält; für die in der Vergissmeinnicht-Arie ihre Liebe beschwörende Anna, noch in Wahnsinn und Tod eine stimmliche Macht; und für den in Mainz einer habgierigen Hure erlegenen Roberto: Ventre zeigt Reue in höchsten Tönen. Doch er wird ans Rad geschnallt und von den Rachegeistern gesteinigt. Über soviel TV-Mickey-Maus kommen sogar wohlmeinende Zuschauer ins Grübeln ...

Quelle: op-online.de

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