Dreieck des Schmerzes

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Gefangen in einem unbarmherzigen Kreislauf: Charlotta Larsson als Vanessa (liegend) und Jenny Carlstedt als Erika.

Frankfurt - Ein unbarmherziger Kreislauf: Vanessa wartet auf Anatol. Nach zwanzig Jahren erscheint Anatols gleichnamiger Sohn, verbringt eine Nacht mit Vanessas Nichte Erika, verlobt sich jedoch mit Vanessa und geht mit ihr nach Paris. Am Ende wird Erika auf Anatol warten. Von Axel Zibulski

Die Atmosphäre ist eisig. Schollen schichten sich auf der offenen rechten Bühnenseite. Aber auch links, im Drei-Generationen-Haus von Vanessa, ihrer Mutter und ihrer Nichte Erika, herrscht Schweigen. Die Spiegel verhängt, die Gemälde verhüllt. In einem unbestimmten Land im Norden ließ der US-amerikanische Komponist Samuel Barber (1910-1981) seine erste Oper „Vanessa“ spielen. 1958 wurde sie an der New Yorker Met uraufgeführt, die Salzburger Festspiele zeigten im selben Jahr das kammerspielartig intensive Stück erstmals in Europa.

In Frankfurt bisher noch nie zu sehen

In Frankfurt war „Vanessa“, von Samuel Barber auf das Libretto seines Komponisten-Kollegen Gian Carlo Menotti komponiert, bisher noch nie zu sehen. Regisseurin Katharina Thoma und ihre Ausstatterin Julia Müer haben das zweistündige Werk vor drei Jahren im schwedischen Malmö inszeniert; diese Produktion, die auf Barbers 1965 entstandener Zweitfassung basiert, hat die Oper Frankfurt nun für ihre erste Saisonpremiere übernommen.

Das Sujet wirkt wie ein in die Kälte gewendetes Südstaaten-Drama von Tennessee Williams. Ins Warten, in die Lethargie schiebt sich die Tragödie.Anatol löst sie aus, der Sohn von Vanessas einstigem Liebhaber gleichen Namens. Doch das äußere Geschehen, das zeitweise Aufblühen des Hauses bleibt Nebensache; die Ballszene etwa versetzt Regisseurin Katharina Thoma zwingend ins hintere Off. Es geht um anderes, etwa um die dicht geflochtenen Beziehungen der drei Frauen. Als Erika berichtet, dass sie ihr von Anatol empfangenes Kind verloren hat, durchfährt die Großmutter sichtbarer Schmerz.

Kurt Streit: auffallend dezent bleibende Tenor

In der intensiven, genauen Profilierung der sechs Personen des Dramas hat Katharina Thomas Regie ihre großen, zwingenden Stärken: Genau profiliert sind sogar der Haushofmeister Nicholas (Björn Bürger) und die Unveränderlichkeit ausstrahlende Figur des alten Doktors (Dietrich Volle).

Weitere Vorstellungen am 6., 9., 14., 20., 22. und 28. September

Der auffallend dezent bleibende Tenor Kurt Streit gibt den Anatol treffend als passivsten Teil dieser Dreiecksgeschichte: Es ist weniger seine Unentschiedenheit, die das Drama auslöst, es sind Erwartungen, Ängste, Enttäuschungen, Hoffnungen der beiden Frauen: Charlotta Larsson ist die unterkühlte Vanessa der Frankfurter Produktion, und Jenny Carlstedt, die als Erika debütiert, gibt die eigentliche Hauptfigur: Vom schlichten Lied am einsamen Flügel bis zu den dramatischen Passagen der Partitur zeigt die Sopranistin eine enorme, exakte, vielschichtige Präsenz. Helena Döse ist mit ihren mehr als 40 Jahren Bühnenerfahrung Vanessas Mutter, die „Alte Baronin“ – einmal mehr setzt sich die Oper Frankfurt mit vokalen Spitzenleistungen für ein kaum bekanntes Werk ein.

Einmal mehr beglaubigt auch das Opern- und Museumsorchester seine genaue Auseinandersetzung mit einem entdeckenswerten Stück: Der britische Gastdirigent Jonathan Darlington leitet die stilistisch eigenständige, tonale, bald an Film-, bald an Kammermusik erinnernde Oper fein und profund, schärft das Drama, grundiert perfekt seine düsteren Stimmungen: Ein grandioser, packender Saisonstart.

Quelle: op-online.de

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