Düster-reales Menschenbild

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„Abendmahl“

Offenbach - Unbeirrt hält er an seinem kritisch-realistischen wie altmeisterlichen Malstil fest, DDR-Nationalpreisträger Volker Stelzmann, 1940 in Dresden geboren und ab 1986 in West-Berlin angesiedelt. Von Reinhold Gries

Seine Malkunst, einzuordnen zwischen Renaissance-Meister Mathias Grünewald, sozialkritischem Realismus eines Otto Dix und Neofigurativen, scheint über jeden Zweifel erhaben, das zeigt seine Retrospektive in der Aschaffenburger Kunsthalle Jesuitenkirche. Aber die Großformate, Diptychen und Triptychen wirken auch düster, das Kolorit der Figuren schimmert oft mehr aus dunklen Untergründen als dass es leuchtet.

„Volker Stelzmann – Konspirationen“ bis 10. Januar in der Kunsthalle Jesuitenkirche Aschaffenburg. Geöffnet: Dienstag 14-20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag 10-17 Uhr.

Stelzmanns Passion ist der Mensch, Landschaft interessiert ihn nicht. In Hochformaten wie „Passage 09“ und „Die Treppe“ sind Typen und Charaktere aus allen sozialen Schichten verwirbelt. Das Gemälde „Große Konspiration“ (2004) nimmt Malvorbilder aus verschiedenen Epochen und setzt sie mit Stelzmanns Abbild zu skurrilem „Abendmahl“ an eine Tafel. Unbehauste Randexistenzen mit abgetragenen Kleidern werden zu „Berufenen“ (1988) – und durch hohe Tafeln mit Namen wie Petrus, Johannes, Matthäus und Thomas zu neuzeitlichen Dürer-Aposteln. In „Arsenal“ zerlegt der Maler Köpfe, Oberkörper, Nerven- und Muskelstränge und ordnet sie in ein gespenstisches Wandregal ein.

Gewandfiguren von Damen, Punks und Angestellten

Eines haben die meisterlich mit Eitempera und Harzöl gemalten bzw. lasierten Bilder gemeinsam: Die Menschen stehen oft für sich, sie sehen sich fast nie an, auch nicht in verdrehten Figurenballungen von „Deposizione“(1997) und „Pfingstbild“ (2002). Figuren aus Jahrhunderten werden wie in virtueller Zeitspirale in sakralen Kontext eingedreht. Charakterköpfe und Gewandfiguren von Modedamen, Punks und Büroangestellten strahlen dabei gleiche Verschlossenheit aus wie die Malergesellschaften.

Undurchdringlich auch die „Kruzifix“-Szene (2007), „Kreuzabnahme“ (1992) oder auch „Kreuztragung“ (2002), bei welcher der Gekreuzigte inmitten behelmter Arbeiter mit Nägeln und Zange fast verschwindet. Erlösung ist nirgendwo in Sicht, auch nicht im Triptychon „Varieté“ (1994), einer knallbunten Mixtur aus Artisten und Messerwerfern, schwebenden Equilibristen und illusionistischer Jungfrauen-Zersägung.

Bewegende Kunstwerke im 21. Jahrhundert

Bedrückend, wie Stelzmanns in Grau gemalte Verdammte und Gerichtete in Tuschegründen und Strichlagen abtauchen. In nervöse Schriftzüge gefügt sind gehöhte und vertiefte Figuren der komplett mit der Hand abgeschriebenen „Offenbarung des Johannes“ (2002). Bewegende Kunstwerke klassischer Moderne, und das im 21. Jahrhundert.

Quelle: op-online.de

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