Düstere Zukunft

+
Das Leben ist kein Ponyhof für Motte (Henrike Johanna Jörissen) und Darko (Nils Kahnwald).

Frankfurt - Wer ist schuld, wenn Menschen in Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus vor sich hin vegetieren, sich die Birne mit Alkohol zudröhnen, um das Leben erträglicher zu machen? Diese Frage durchzieht Nis-Momme Stockmanns „Das blaue blaue Meer“. Von Astrid Biesemeier

Immer wieder stellt sie sich dem 20-jährigen Darko, für den die Zukunft düsterer aussieht als die Farbe der ihn umgebenden Häuser. Darko wohnt in einer Plattenbausiedlung, in der Selbstmord zum Alltag gehört, körperlich und seelisch Versehrte seinen Weg kreuzen. Er ist ein Verlierer, der sagt, dass er säuft, bis sich sein Hirn nach außen stülpt. Da verliebt er sich in die 19-jährige, mit Narben übersäte Prostituierte Motte. Daraus schöpft Darko eine Hoffnung, die in dieser kaputten Welt so irrational ist wie der Glaube, dass sich Wünsche erfüllen, weil man fest an sie gedacht hat, als eine Sternschnuppe vom Himmel fiel.

Stockmann (geboren 1981) ist seit dieser Spielzeit Hausautor am Schauspiel Frankfurt und gilt als Nachwuchshoffnung. Vor allem den dem Leben abgelauschten Tonfall schätzen Theatermacher und Kritiker an seinen Stücken. Auch in „Das blaue blaue Meer“ findet er sich. Dennoch vermag das Werk auf der Bühne nicht zu überzeugen.

Es liegt nicht an Nils Kahnwald, der in der Uraufführung Darko spielt, dass es immer schwerer wird, diesem zu folgen. Kahnwald stemmt mit seiner Präsenz den Text, rettet Darkos Würde in Hoffnung und Verzweiflung. Aber statt Situationen zu schaffen, die etwas von Darkos Welt erzählen, hat Stockmann eine Wort- und Gedankenschleuder erfunden. Unablässig kreuzen sich Beobachtungen, Schuldfragen, Empfindungen und Selbstreflexionen.

Weitere Aufführungen am 30. Januar, 5., 11. und 22. Februar

So ist der Inszenierung von Marc Lunghuß die Mühe anzumerken, das Stück bühnenwirksam zu machen. Zwei Musiker spielen Tocotronic-Songs wie „Alles was ich will ist, nichts mehr mit euch zu tun haben“. Henrike Johanna Jörissen hämmert als zornige junge Frau aufs Schlagzeug. Bilder von Wohnsilos aus Beton und deren Bewohnern flirren über die aus Eierkartons bestehende Wand, um Darkos Gedanken zu bebildern.

Somit ist die deutsche Dramenlandschaft reicher um ein Stück, dessen Protagonisten die Themen um die es geht, auf den Lippen führen, statt dass Situationen geschaffen werden, die diese lebendig vorführen. Schade, denn die verhandelten Fragen sind wichtig. Aber Nis-Momme Stockmann ist gerade mal 28 Jahre alt – da kann noch einiges kommen!

Quelle: op-online.de

Kommentare