Aus dem Dunkel der Geschichte geholt

Frankfurt - Es ist ein besonderes deutsch-französisches Ausstellungs- und Forschungsprojekt, das jetzt in Frankfurts Archäologischem Museum vorgestellt wird, gefördert vom Kulturfonds FrankfurtRhein-Main. Von Reinhold Gries

Zu den Europa-Kulturtagen 2012 werden drei Königinnen aus dem Dunkel des frühen Mittelalters geholt: Wisigarde, Arnegunde und Bathilde. Sie gehörten dem sagenumwobenen Königsgeschlecht der Merowinger an, ab dem frühen 5. Jahrhundert identifizierbar und 751 von der Dynastie der Karolinger verdrängt. Die sterblichen Überreste und kostbaren Grabbeigaben der Königinnen entdeckte man zum Teil erst 1959 unter dem Kölner Dom, in der Grablege von Saint-Denis in Paris und unter der Klosterkirche von Chelles in der Ile de France.

Bei Originalfunden, Lebensbildrekonstruktionen, Grafiken und Texten im Karmeliterkloster geht es weniger um machthungrige, rücksichtslose Merowingerkönige der Völkerwanderungszeit mit langem Haupthaar, die ihre Abstammung auf Meerwesen - halb Stier, halb Mensch - zurückführten. Es geht um Wesen, denen die Herrscher zugetan waren: schöne bis stattliche, rötlich blonde Frauen mit langen Gewändern, golddurchwirkten Stirnbinden, kostbaren Namensringen und aufwändigen Gürtelgarnituren aus Gold und Granat, die fast dem Nibelungenlied entsprungen sein könnten. Wie weiland Brunhild und Kriemhild waren die drei Königinnen stolz, gebildet und machtbewusst, obwohl sie trotz christlichen Glaubens mit Nebenfrauen und Konkubinen konkurrieren mussten.

Die Langobardenprinzessin Wisigarde (ca. 510-540) ließ Theudebert I. in sieben Jahre langer Verlobungszeit schmoren, bis er sie auf geharnischte Beschwerden der Reimser Franken hin ehelichte. Leider starb sie bald darauf und wurde in einer frühen Kirche unter dem Kölner Dom bestattet. Von dessen Schatzkammer sind wertvolle Fibeln, Ketten und Ohrringe gekommen – und Wisigardes „Vitta“, das goldene Stirnband als fränkisches Zeichen hohen Standes. Die im Grab gefundene Bergkristallkugel mit filigranverzierter Goldfassung wirkt wie ein Gral, zumal er für Wahrheit und Reinheit des Glaubens wie für Taufe und Erlösung stand.

Königin Arnegunde (ca. 515-580), die dritte von mindestens sechs Frauen des Merowingerkönigs Chlothar I. wurde mit über 60 Jahren für damalige Zeit recht alt. Erstmals hat nun ihr steinerner Sarkopharg aus Burgund die Basilika Saint-Denis Richtung Deutschland verlassen, dem früheren ostfränkischen Bruderland. Ihr im Goldring in römischen Versalien gravierter Name liest sich als „ARNEGUNDIS“ und als „REGINE“. Ihr prachtvoller Gürtelschmuck mit Scheibenfibeln aus rotem Almadin, wundervolle Körbchenohrringe und eine reich ornamentierte Wadengarnitur sprechen eine königliche Sprache. Dazu ist Arnegundes Schnabelschuh aus Leder rekonstruiert.

Die Schau „Königinnen der Merowinger“ im Archäologischen Museum Frankfurt ist bis 24. Februar 2013 zu sehen, und zwar dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr und mittwochs von 10 bis 20 Uhr.

Über Balthilde (ca. 635-680) schreibt die Geschichte der Franken cap. 43: „Dann machten die Franken…Chlodwig zu ihrem König. Dieser nahm Balthild aus dem Stamm der Angelsachsen zur Gemahlin, eine schöne und vor allem geistreiche Frau.“ Als Sklavin oder Geisel kam die Adlige zum Hof von Neustrien – so hieß das West-Frankenreich – und heiratete den 16-jährigen Chlodwig II., dem sie in rascher Folge drei Söhne gebar. Nach dem frühen Tod ihres Mannes übernahm sie mit dem Hausmeier die Regentschaft für den unmündigen Chlothar III., holte sich Rat bei den Bischöfen von Noyon, Rouen und Lyon zu ihrer zentralistische Politik sowie Steuer- und Währungsangelegenheiten. Armenfürsorge war ihr ebenso Christenpflicht wie Einsatz gegen den Handel mit christlichen Sklaven. Als Balthilde den sich in Nachfolgekriegen bekämpfenden Männern zu mächtig wurde, drängte man sie ins Kloster Chelles ab, das sie selbst gegründet hatte. Dort lebte sie als einfache Nonne. Lebendig wird Bathilde in einzigartigen Funden: in vollständig erhaltenem „Casula“-Überwurf, bestickt mit farbiger Seide, Kreuz und Figurenschmuck; in vom Zahn der Zeit gezeichneten „Großen Mantel“ mit gelb-rosa Fransen; in brettchengewebten Seidengürteln und der Platte ihres goldenen Siegelrings. Wie Altgold wirkt Balthildes rotblond gefärbte, ursprünglich hellere Haarsträhne mit Seidenband. Sie ist zur Reliquie geworden.

Um die Merowinger-Kultur aufzuhellen, zeigt man dazu wertvolle Funde des vor 20 Jahren entdeckten Prinzessinnengrabs unter Frankfurts Dom. Auch hier machen filigranverzierte Ohrringe, Pektorale-Schmuck, Glasperlen und Goldborten eines Kreuzes augenfällig: Der Übergang vom Spätrömischen zum Mittelalter war fließend. Das von Karolingern vermittelte Bild merowingischer Barbaren erfährt eine spektakuläre Korrektur.

Quelle: op-online.de

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