Das Duplikat als Original

Sturtevant, Lichtenstein Laughing Cat, 1967, © Estate Sturtevant, Paris, Courtesy Galerie Thaddaeus, Paris/Salzburg

Frankfurt - Unter ihren Künstlerfreunden waren Jasper Johns und Robert Rauschenberg, Andy Warhol kannte sie ebenfalls persönlich. Elaine Sturtevant (1924-2014) war Zeitgenossin vieler Kunstheroen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und begleitete ihre Arbeit auf ihre eigene Weise. Von Eugen El 

 Erst 2004 jedoch gelang ihr mit einer Einzelausstellung im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) der internationale Durchbruch. Es folgten große Ausstellungen in Paris, Stockholm und London. 2011 erhielt Sturtevant, wie sie sich nannte, für ihr Lebenswerk den Goldenen Löwen der Kunstbiennale von Venedig. Genau zehn Jahre nach der ersten Schau zeigt das „MMK 1“ betitelte Haupthaus des Museums nun eine Auswahl von über 100 Zeichnungen der kürzlich in Paris verstorbenen Künstlerin.

In den frühen 1960er Jahren war die Pop Art erst im Entstehen begriffen. In New York distanzierten sich die jungen Künstler vom Anspruch auf persönliche Handschrift und Ausdruck. Sie nutzten die profane Bildwelt von Comics, Werbung und Illustrierten als Vorlagen. Andy Warhols berühmte Siebdrucke entstanden ebenso zu dieser Zeit wie Roy Lichtensteins Comic-Gemälde. Gleichzeitig fing Sturtevant an, die Werke ihrer Kollegen zu duplizieren. Sie signierte die Duplikate mit ihrem Namen. Die so entstandenen Siebdrucke und Gemälde kann man daher nicht etwa als Fälschung sehen oder als getreue Kopie. Vielmehr machte sich Sturtevant die ambivalente Haltung der Pop Art zur Originalität zu eigen. Auch sie wollte nichts erfinden, sondern nur mit vorgefundenem Material arbeiten. Insofern ist Sturtevants Werk eine radikale Steigerung der in den 1960ern aufkommenden künstlerischen Strömungen.

Dabei behandelt Sturtevant die Zeichnung meistens auf eine konventionelle Weise als Vorstudie. Auf den Blättern probiert sie das Motiv und die Farbwahl aus. Einige Zeichnungen sind signiert, als wären sie von vornherein als gleichwertiges Original für Ausstellung und Verkauf angelegt worden. Geht man durch die Frankfurter Ausstellung, so begegnet man Jasper Johns’ Flaggen, Keith Harings Strichfiguren und natürlich auch Andy Warhols Blumen – nur dass all diese Bilder Sturtevants Werke sind. So entsteht ein Museum im Museum. Die seit kurzem wieder im Hauptgebäude großzügig präsentierte MMK-Sammlung spiegelt sich in Sturtevants zeichnerischem Œuvre.

Im Eingangsbereich der Ausstellung hängt eine Fotografie, die Elaine Sturtevant, unverkennbar als Joseph Beuys verkleidet, auf den Betrachter zuschreitend zeigt. Sie zitiert Beuys’ Arbeit „La Rivoluzione Siamo Noi“ von 1972. Hier arbeitet Sturtevant mit den Mitteln der Travestie. Ihr Werk wird zum Reenactment, zur Wiederaufführung. Das spielerische Element dieser Fotografie vermisst man in den Zeichnungen, deren Prinzip man schnell erfasst hat.

Quelle: op-online.de

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