Echte Sternstunde der Operette

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In der aktuellen Frankfurter Operninszenierung ist das Ensemble nicht nur gesanglich und darstellerisch, sondern auch choreografisch stark gefordert.

Frankfurt - Wenn schon Operette, dann mit Netz und doppeltem Boden, mag man an der Oper Frankfurt gedacht haben. Und mit einem Regisseur, der die Leichtigkeit dieses Bühnenseins rüberbringt. Von Klaus Ackermann

Wie David Alden, der sich Emmanuel Chabriers „L’Étoile“ vorgenommen und mit viel Esprit und noch mehr Fantasie das hanebüchene Märchen pointensicher in Szene gesetzt hat. Garant für einen unbeschwerten, beifällig aufgenommenen Opéra-buffe-Abend ist neben dem Opernorchester mit Henrik Nánási am Dirigierpult und dem choreografisch vielbeschäftigten Chor (Michael Clark) ein Charaktertenor aus Frankreich. Christophe Mortagne gibt den schießwütigen König Ouf I. umwerfend komisch.

Sterne allenthalben schon zur Ouvertüre, ob auf dem Vorhang oder am Opernhaus-Himmel, wo sie lange nicht zu sehen waren. Über gelben Wänden schwebt ein graues Sternzeichen, die Operettenhelden freilich auf den Kopf gestellt – wie so manches in dieser schaurig-schönen Geschichte. Um einen König, der dem Volk alljährlich eine Hinrichtung verspricht und sich in der Wartehalle eines Flughafens (Ausstattung und Kostüme: Gideon Davey) als Straßenfeger unter die Menge mischt, um einen Delinquenten zu suchen.

Doch die sich hinter Zeitungen versteckenden Untertanen riechen den Braten, streng choreografiert (Beate Vollack) wie das Putzgeschwader mit seinen urkomischen Tanzschritten. Per Gepäckband auf die Bühne gerollt, findet Ouf I. sein Opfer, den Straßenhändler Lazuli, der Prinzessin Laoula nachhechtet, die wiederum dem König versprochen ist. Von einer Hinrichtung rät der aus dem Bühnenboden hochkatapultierte Astrologe ab, weil Ouf 24 Stunden nach der Hinrichtung selbst das Zeitliche segnen müsse. So steht es zumindest in den Sternen. Bassbariton Simon Bailey ist kaum wiederzuerkennen. Und völlig aus dem Häuschen, als er erfährt, dass der König eine Viertelstunde nach dem eigenen Ableben seinen Tod verfügt hat.

Das sind Steilvorlagen für Alden, der aus permanenter ironischer Distanz und mit köstlich verhunzten Balletteinlagen das Spiel auf die Spitze treibt. Herrlich das „Kussduell“ der mehr oder weniger verliebten Paare: So erfrischend witzig und frei von jedweder Peinlichkeit kann Kopulieren sein – mit einem stöhnend Sauerstoff inhalierenden Astrologen.

Erstaunlich, was Alden darstellerisch aus den Sängern herausholt. Immerhin gibt es einen großen französischen Wortanteil. Da ist der herrlich schwadronierende Komödiant Christophe Mortagne in seinem Element, ein König, der wegballert, was ihn stört, dennoch tief erschüttert ob der Prophezeiung. Höhepunkt ist das „Duetto de la Chartreuse“, eine brillante Suff-Arie mit dem weinerlichen Sternendeuter. Von Chabrier originell orchestriert, vom Orchester kammermusikalisch durchsichtig gespielt, das karikierend eckig auch Offenbach-Biss und Schmiss einbringt, wie es in mildem Chroma schwelgt.

Auch stimmlich ein bezaubernder Wirbelwind ist Paula Murrihy in der Hosenrolle des aus gutem Grund gehätschelten Lazuli, der die Prinzessin entführt und dabei vermeintlich erschossen wird. Als Laoula hat Juanita Lascarro Görencharme bewahrt – und dazu ihren zuckersüßen Sopran. Den Sündenbock Fürst Hérisson gibt Michael McCown, diplomatisch um Fassung bemüht. Während seine betont laszive Ehefrau (Sharon Carty) eher am trotteligen Sekretär ( Julian Prégardien ) interessiert ist.

Zum Happyend bleiben König und Astrologe am Leben, das ungerührt Dosenlimo schlürfende Volk dagegen ist platt. Und das Publikum weiß jetzt, wie Operette funktioniert. Nur wenn man nichts dem Zufall überlässt. Wie Regiestar David Alden.

‹ Noch 7., 15., 21., 23. Oktober

Quelle: op-online.de

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