Edelste Kunstkammer wie im Königsschloss

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Lavabo-Garnitur, Silber vergoldet, Augsburg 1770

Was einst als „baroque“ (sonderbar oder schief) verspottet wurde, gehört längst zu den attraktivsten Produkten abendländischer Kunst. Das zeigt die neu präsentierte Barockabteilung im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst. Von Reinhold Gries

Zwischen schwerem Früh- und prächtigem Hochbarock sowie verspieltem Rokoko sind Formen und Materialien zahlreich. Was von 1600 bis 1780 aus Edelhölzern, Gold, Silber, Glas, Keramik und Textil gebaut, ziseliert, geschnitten und gewebt wurde, diente der Überhöhung höfischen und bürgerlichen Daseins mit Schönheit und Pracht. Denn im barocken Welttheater war „vanitas“ jederzeit präsent. Umso mehr nutzte man den Tag, um prunkvoll zu repräsentieren. Barock gedieh zur internationalen Kunstsprache.

Repräsentationsbüste Karl Ferdinands von Spanien

Im MAK ist das an exquisiten Beispielen aus Frankreich, den Niederlanden und dem deutschen Kulturkreis zu sehen: Silberne und goldene Pokale, Trinkgefäße und Tafelaufsätze glänzen wie in einer Kunstkammer. Große Auftritte hat die Tischkultur, gipfelnd in exotischem Nautiluspokal, voluminöser Deckelterrine mit Unterplatte und edler Lavabo-Garnitur mit Helmkanne – alles aus dem deutschen Edelmetallzentrum Augsburg. Zeigen wollten sich spanische Infanten und Statthalter, in aufwändigen Repräsentationsbüsten erstmals zu sehen. Fürstliche Humpen waren aus Silber, Gold und Elfenbein gefertigt, mit Münzen und Medaillen aus fremden Ländern besetzt. Das stand für Weltläufigkeit. An großen Tafeln wurde noch mehr aufgefahren, eine silbernes „Reiterstandbild“ zu Schwedenkönig Gustav Adolf mit abnehmbarem Pferdekopf zum Trinken, kunstvoll geschliffenes Trinkglas aus Böhmen, eine farbig gefasste Deckelterrine in Truthahn-Gestalt oder ein Bologneser Hund aus dem begehrten „weißen Gold“.

Vor 300 Jahren hatte der Dresdener Alchemist Johann Friedrich Böttger auf der Suche nach Gold das weiße Hartporzellan im Brennofen komponiert, das als Meißner Porzellan zum Renner wurde. Im MAK sind Tier-Terrinen, Chinoiserie-Gefäße und fernöstlich wirkende Bechervasen zu sehen, Teedosen und Service vom Feinsten.

Nautiluspokal mit exotischer Muschel (Bronze, Silber, Gold)

Pioniere barocken Kunsthandwerks waren der Pariser Möbelgestalter André Charles Boulle und der Büdinger David Roentgen, der ab 1772 die Neuwieder Werkstatt seines Vaters Abraham zu internationalem Ruf führte, inklusive Niederlassung in der Regénce-Metropole Paris. Mit klassischem Dekor in hoher Verarbeitungsqualität machten seine Louis-seize-Verwandlungsmöbel, Schreibschränke, Spieltische und Sekretäre denen der Boulles Konkurrenz. Viel Raum nehmen auch ausladende Schränke ein, die Dielen zu Bühnen machten – ein typischer Frankfurter Schrank, ein reich geschnitzter Hamburger „Schapp“, ein Antwerpener Luxusschrank mit Schildplatt und ein aufklappbarer Geheimfächer-Schrank aus Eger.

Museum für Angewandte Kunst Frankfurt, Schaumainkai 17. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 10 bis 17, Mittwoch 10 bis 21 Uhr

Eine faszinierende Welt im Kleinen stellen die Taschenuhren dar, gleichzeitig Schöpfungen der Kunst wie erstaunlich hoch entwickelter Technik. Was bekannte Uhrmachermeister aus der Schweiz, London, Paris und Nürnberg vollbrachten, lässt staunen. Solche Zeitmesser waren – wie anderes Kunstgewerbe – nur ohne heutigen Fertigungsdruck möglich...

Quelle: op-online.de

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