Ehelicher Sex als eines der letzten Tabus

+
Buchautorin Charlotte Roche liest aus „ Schoßgebete“.

Frankfurt - Sie ist bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und ohne Scham Dinge zu beschreiben, bei denen der Normalbürger rote Ohren bekommt. Entsprechend war der Skandal, als Charlotte Roche ihren ersten Roman „Feuchtgebiete“ vorlegte. Von Maren Cornils

Nun hat die 33-jährige Ex-Viva-Moderatorin ihr zweites Buch vorgelegt. Dass wieder jede Menge Sex vorkommt, ist sie Fans wie Kritikern schuldig. Trotzdem wäre es ungerecht, „Schoßgebete“ auf provokant gestaltete Sexszenen zu reduzieren, auch wenn die Autorin den Inhalt so umschreibt: „Es geht darin um eines der letzten wirklichen Tabus – ehelichen Sex.“ Tatsächlich beschreibt Roche auf 288 Seiten extreme Gefühle – von Depression über Paranoia bis zu Selbstmordfantasien.

Roche weiß, was von ihr erwartet wird. Im ultrakurzen Leopardenkleid mit Schleife stöckelt die Kölnerin auf Highheels in den Frankfurter Mousonturm – und liest eine lange Passage über, na was sonst, Sex. Die Schilderung aus der Sicht ihrer Antiheldin Elisabeth, von Selbstzweifeln geplagte Mutter und Ehefrau, wimmelt von detaillierten Intimszenen. Pornografisch ist sie dennoch nur in Teilen. Zentrales Thema ist die Frauenbewegung der 70er Jahre und deren Bedeutung für die sexuelle Erziehung der weiblichen Folgegenerationen.

Vorwürfe an die Mütter

Roche geht sogar weiter, sie sieht „Schoßgebete“ als Abrechnung mit der Männer- und Lustfeindlichkeit des Feminismus: „Ich finde das schwachsinnig, Männer nur als Täter und Männerfantasien als frauenfeindlich zu sehen. Muttermord ist für mich das legitime Recht der nachwachsenden Generation.“

„Schoßgebete“ strotzt nur so vor Vorwürfen an die Mütter; viele von Elisabeths Defekten haben ihre Wurzel in der mütterlichen Erziehung. „In meiner Erziehung ist ’ne ganze Menge falsch gelaufen“, gesteht Roche freimütig, so wie sie keinen Hehl daraus macht, dass „die Hauptfigur total nah“ an ihr sei.

„Ich bin der Philipp Lahm der Bums-Belletristik“

Diese entwaffnende Offenheit ist es, mit der es ihr gelingt, das Publikum bei der Fragerunde zu begeistern und Kritiker für sich einzunehmen. Keine Frage, die unbeantwortet bleibt, kein Tabu, dem Roche sich nicht wortreich widmet. Selbst die Frage, warum sie nur so kurz die TV-Talkshow „3nach9“ moderiert habe, beantwortet sie: „Die mochten meine Stimme nicht, alles an mir war falsch. Die haben es in kurzer Zeit geschafft, dass ich mich ganz klein gefühlt habe. Und wenn man sich so fühlt, ist man auch nicht gut, Mann, ehrlich, wer mich gesehen hat: Ich hatte ’nen Stock im Arsch, oder?“

Witzig und selbstironisch („Ich bin der Philipp Lahm der Bums-Belletristik“), unterhaltsam und natürlich präsentiert sich Roche, als wolle sie das Bild der Skandalnudel und Sexautorin mit Ekelfaktor Lügen strafen. Hätte sie sich nicht ausschließlich für Sexszenen entschieden, man könnte meinen, die Literaturkritik habe sie missverstanden. So bleibt ein widersprüchlicher Eindruck. Ist das Buch schlicht der Versuch, an den Erfolg des Vorgängers anzuknüpfen – oder hat das Schreiben therapeutische Wirkung? Festlegen lässt sich Roche, eloquent wie sie ist, nicht. Eins muss man ihr lassen: Für jemanden, der Tabubruch predigt, ist sie wohltuend offen im Umgang mit ihren Gefühlen, Ängsten, Komplexen und Fehlern.

Quelle: op-online.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare