Eher Traum als Frau

Wie Wirklichkeit in Literatur zu verwandeln ist, hat Johann Wolfgang von Goethe mit „Die Leiden des jungen Werther“ mustergültig gezeigt: Seine eigene Liebe zu einer vergebenen Frau und den Freitod eines anderen Mannes aus diesem Grund hat er in Briefromanform gegossen, statt sich selbst das Leben zu nehmen. Von Markus Terharn

Eine Möglichkeit, aus dieser empfindsamen Prosa von 1774 eine Bühnenfassung für heutiges Publikum zu schöpfen, demonstriert Tobias Rott. Er belässt die so schöne wie sperrige Sprache im Original und verteilt Werthers Sätze auf ihn, die angebetete Lotte und ihren Verlobten Albert. Das Ergebnis, von Rott am Südthüringischen Staatstheater inszeniert und als Gastspiel der Reihe „Theateressenz“ im Offenbacher Capitol zu erleben, überzeugt auf ganzer Linie. Ein erfreulich jugendliches, vielköpfiges Publikum belohnt die Leistungen der Meininger mit starkem Beifall.

Erstes Johlen setzt ein, als sich Werther, lediglich in Unterhose, an der Wand zu schaffen macht, die Christian Rinke auf die Bretter gestellt hat. Mit Kreide markiert er die Daten seiner Schreiben, misst der Tragödie den zeitlichen Rahmen zu: Anderthalb Jahre dauert es, bis sie das unausweichliche, wohlbekannte Ende nimmt; TV-taugliche anderthalb Stunden veranschlagt die straffe Adaption dafür.

Dass es die Geschichte einer Illusion ist, verdeutlicht ein treffender Regie-Einfall: Eben hat Werther ein Strichmädchen an die Kulisse gekritzelt, mit Brüsten als Weib und mit Flügeln als Engel gekennzeichnet – als sich eine Tür auftut und Lotte in der Öffnung steht, in blauem Kleid mit weißen Blüten (Kostüme: Susanne Füller). Ihr belangloses Gebrabbel mit schriller Stimme steht in komischem Kontrast zu den hehren Worten, mit denen er sie verklärt. Diese Traumfrau ist eher Traum als Frau.

Was den Verliebten nicht daran hindert, sich immer tiefer in das offenkundige Missverständnis hineinzusteigern. Da läuft Darsteller Benjamin Krüger zu großer Form auf: Die überspannten Emotionen, welche der Text behauptet, gestaltet er mimisch und gestisch plausibel. Werther trägt sein Herz auf der Zunge, und Krüger spielt sich die Seele aus dem Leib.

Liljana Elges unternimmt als Lotte eigentlich nichts, das ihn ermuntern könnte. Sie wirkt allein durch stilles, freundliches Wesen so anziehend auf ihren Verehrer. Florian Beyer in der Rolle des Albert, der alle Ursache zur Eifersucht hätte, erklärt ihn gar zum Freund. Kein Wunder, dass Werther findet, er verdiene seine Braut nicht.

Den Gesetzen des Dreiecks-Dramas folgend werden drei Auswege durchdacht: Soll Werther nun Albert, Lotte oder sich selbst töten? Die Qualen des Unglücklichen nehmen Züge der Passion Christi an. Nur so ist es vielleicht zu verstehen, dass er am Ende aufrecht stirbt, zu den Klängen eines Sanctus.

Die Musik verleiht dem Abend Struktur, ist nicht bloß zur Auflockerung eingesetzt. Schlager charakterisieren die leichtlebige Lotte (Mary Roos, „Liebe, Lachen und Weinen“) und den biederen Albert (Udo Jürgens, „Ich weiß, was ich will“). Alexandras dunkles Organ weist voraus auf den düsteren Ausgang. Und dass Werther von Anfang an zu Beethovens Trauermarsch auftritt, verheißt ja nichts Gutes...

Quelle: op-online.de

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