Eigenes Glück gefunden

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Hauptdarstellerin Julia Breckheimer und die tollen Kostüme von Ulla Röhrs tragen zum Erfolg der Märcheninszenierung bei.

Hanau - Aschenputtel ist ganz anders. Anders als wir es aus den Märchen der Brüder Grimm kennen. Da werden keine Erbsen und Linsen gelesen, da gibt es keine Tauben als Helfer. Von Christian Spindler

Aschenputtel ist auch keine unterdrückte Magd, sondern eine selbstbewusste, bisweilen scharfzüngige und starke Persönlichkeit, die ihr Glück nicht per Zufall findet, sondern ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Bei den Brüder-Grimm-Märchenfestspielen im Hanauer Amphitheater wird mit „Cendrillon oder Der gläserne Pantoffel“ die französische Variante gezeigt. Sie stammt aus der Märchensammlung von Charles Perrault (1628 bis 1703). Eine Reihe der von ihm zusammengetragenen Überlieferungen fanden 120 Jahre später Einzug in die Grimm-Anthologie.

Zum zweiten Mal hat Intendant Dieter Gring ein Märchen aus einem anderen Kulturkreis bearbeitet. Und hat eine vielschichtige, aussagestarke und anspruchsvolle Interpretation abgeliefert.

Es dauert freilich eine Weile, bis man in die Welt im Haus Troisbonheur und in das Leben am Hof des Königs Louis XIII. eintaucht. Gring macht es dem Zuschauer bei seiner zehnten Festspielinszenierung nicht leicht. Im ersten Teil ist seine Fassung, die am Freitag Premiere hatte, sehr textlastig, die gestelzte, bisweilen manierierte Sprache gewöhnungsbedürftig, das Stück hat Längen und wenig ausdrucksstarke Bilder. Bisweilen fehlt die leichte Hand; phasenweise liegt allzu viel Ernsthaftigkeit auf der Inszenierung.

Marie de Troisbonheur, genannt Cendrillon, also Aschenputtel, Tochter des Edelmanns Jacques de Troisbonheur (Helmut Potthoff), die sich als Dienerin ihrer Stiefmutter und ihrer beiden Stiefschwestern verdingt, lernt hier den Thronfolger Louis (Jochen Döring) bereits vor dem Ball kennen und verliebt sich ihn ihn. Sie ist es, die es mit Hilfe ihrer Tante Madame d’Aillaud (Claudia Brunnert) schafft, unerkannt zum festlichen Ball zu kommen und ihren Prinzen wiederzusehen.

Eindrucksvoll ist das höfische Leben mit seiner Etikette und seinen geschraubten Eitelkeiten dargestellt. Es wird als Fassade entlarvt, hinter der Falschheit, Neid, Missgunst und Intrigen regieren, wo wahrer Anstand und Güte keinen Platz haben.

„Cendrillon“ ist wieder ab 17. Juni zu sehen. Weiter werden gezeigt: „Schneewittchen“ (Musical) sowie „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ (Kinderstück). Die Festspiele im Amphitheater dauern bis 25. Juli.

Richtig böse ist freilich niemand, nicht die Stiefmutter (glänzend gespielt von Sibylle Nicolai), auch nicht die Stiefschwestern (Corinna Maria Lechler und Nadine Buchet). Sie sind vielmehr gefangen in der Oberflächlichkeit einer auf schönen Schein gebauten Welt, die Gring vor dem historischen Hintergrund des zu Ende gegangenen Spanisch-Französischen Krieges 1635 bis 1659 und der Faszination für die aufkommenden Naturwissenschaften ansiedelt. Dieser hohlen Fassade widersetzt sich Cendrillon (herausragend: Julia Breckheimer) kämpferisch und voller Stärke. Keck, anmutig und liebreizend zeigt sie, wie man mit Vertrauen zu sich selbst und mit Hilfe von Freunden sein Glück finden kann.

Im zweiten Teil entfaltet Grings Fassung ihre ganze Stärke. Da werden die Ebenen der effektvollen Bühne (Tobias von Wolffersdorff) raffiniert genutzt, beeindrucken fließende Auf- und Abgänge der 17 Darsteller, nimmt das Tempo zu, zieht das Schauspiel auch durch die Bildersprache richtig in seinen Bann.

Gring hat in seiner Intendanz das künstlerische Niveau beachtlich gesteigert, was die (auch vielen neuen) Darsteller mit eindrucksvollen Leistungen untermauern. Und mit der Öffnung für Märchen aus anderen Kulturkreisen hat er einen mutigen und richtigen Weg eingeschlagen. Die Aschenputtel-Inszenierung liefert den Beweis, dass Märchen keineswegs nur Kindersache sind: Sie ist trotz einiger Schwächen ausdrucksstarkes Theater für Große.

Quelle: op-online.de

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