Einblick in Werkstatt des Autors

Wenn die „Frauen für Offenbach“ einladen, ist der Damenanteil im Publikum noch höher als bei Lesungen ohnehin üblich. Und wenn mit Jan Se ghers einer kommt, der im Ruf steht, dass er nicht nur spannend schreiben, sondern auch glänzend vortragen und locker reden kann, ist das Fassungsvermögen eines Veranstaltungsraums schnell erschöpft. Im Quartiersaal des Ostpol musste der Hausmeister zusätzliche Stühle holen.

Beim ersten Offenbach-Auftritt nach seiner Einführung als Schriftsteller im Bücherturm zückte Seghers wieder jenes Manuskript, das eine Strichfassung von Schlüsselstellen seines dritten Krimis „Partitur des Todes“ enthält. Begann mit der Deportation eines jüdischen Ehepaars in Frankfurts Westend während der NS-Zeit. Blendete ins Paris der Gegenwart, wo der überlebende Sohn mit einer Reporterin erstmals über diese verdrängten Ereignisse und seine verschwundenen Eltern sprach. Brachte beiläufig die aufgetauchten Noten einer unbekannten Operette von Jacques Offenbach ins Spiel. Schnitt in die Mainmetropole, wo sein Polizist Robert Marthaler ein Schiff mit fünf Leichen inspizierte. Ließ eine Schöne in Gefahr geraten – und brach ab, als ihre Lage sich schmerzhaft zuspitzte ...

Ja, Seghers hatte sein Auditorium im Griff! Und plauderte im Anschluss bereitwillig aus seiner Werkstatt: Dass es ihn gereizt habe, einen Roman vor dem Hintergrund des größten deutschen Verbrechens zu verfassen. Dass KZ-Arzt Aribert Heim Vorbild für eine Figur sei. Und dass die Entdeckung des Finales von Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ eine Anregung geliefert habe.

Grundsätzlich offenbarte Matthias Altenburg, wie der 50-Jährige bürgerlich heißt: „Man darf als Autor nicht so dumm sein wie der Ermittler. Den Täter sollte man relativ früh kennen.“ Das versprach einiges für Marthalers vierten Fall, dessen Niederschrift nun ansteht. Wetten, dass Seghers ihn in Offenbach vorstellt?

MARKUS TERHARN

Quelle: op-online.de

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