Einblicke in fremde Zeichenwelt

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Schrift und Illustration in perfekter Harmonie

Offenbach - Japan hat eine Schrifttradition von hoher kalligrafischer Wirkung, die freilich für westliche Augen kaum lesbar erscheint. Von Reinhold Gries

„Kanji“, symbolhafte Schriftzeichen aus China, stehen neben zwei aus je 46 Zeichen bestehenden Silbensystemen: „Hiragana“, eher offen und rund, und „Katakana“, eher eckig. Beim „Einlesen“ in die Schau „Japanisches Buchdesign der Gegenwart“ im Offenbacher Klingspormuseum kann man die drei Schriften bald gut unterscheiden.

Auch im 900-seitigen Schriftmusterbuch, wie üblich in fast abstandsloser Reihung von oben nach unten sowie von rechts nach links zu „lesen“. Der visuelle Rhythmus der Schriftbänder lässt spüren, welch große Leistung japanische Typografen vollbringen, um gleichmäßige Satzbilder zu erzeugen.

Kuratorin Minako Teramoto aus Tokio und Buchkünstlerin Uta Schneider von der Frankfurter Stiftung Buchkunst sorgen mit Untertexten und Textfahnen ebenso für weiteres Verstehen der rund 100 Exponate wie oft übliche englische Titel und passende Illustrationen.

Auf dem Einband findet man noch klassisch-japanische Typografie, waagerecht und senkrecht gesetzt und auf Bilder verzichtend. Das wirkt still und eindringlich.

Fernöstliches Interesse zielt auf deutsche Bauhauskunst und Design von Dieter Rams wie auf innovative Amsterdamer Architekten, europäische Fotografie und Literatur, auch auf westliche Bilder- und Kinderbücher, als herrlich bebilderte Übersetzungen ausliegend.

„Japanisches Buchdesign der Gegenwart“ vom 1. Dezember bis 12. März im Klingspormuseum Offenbach. Geöffnet Dienstag, Donnerstag und Freitag 10-17 Uhr, Mittwoch 14-19 Uhr, Samstag und Sonntag 11-16 Uhr.

Faszinierend der spezielle Blick auf die Dinge, oft gepaart mit schwarzem Humor und Skurrilität. Wo hinten und vorn ist, ist nicht immer klar, zumal Nippon-Designer gern experimentell arbeiten und in visuelle Grenzbereiche vordringen. Poppige Manga-Gesichter und -Figuren erobern Buchästhetik. Anderen Augenreiz bieten schön illustrierte Bände zum Farben- und Formenspiel traditioneller wie moderner Kimonos, kunstvoll gezeichnete Anweisungen zu überlieferter Kunst des Papierfaltens und Verpackens, filigran ornamentierte Gedichtbände.

Den bekannt provokativen Fotografen Nobuyoshi Araki lernt man im berührenden Büchlein über Liebe und Tod der Hauskatze Chiro neu kennen. Am Designerbuch „Ver(sp)brechen“ ist fast alles falsch, bevor makabre Ratgeber über Einbalsamierungskunst oder „Leichenzustelldienst“ für Gruselschauer sorgen.

Gefahrlos spazieren kann man durch den Biogemüsegarten der Familie Koneko und den prächtig-absurden Schauband „Die unsinnigsten Maschinen“. Aufklärerisch-kritische Werke wie „Urban Ecology – Tokyo Water City“, „Dojinshi“ genannten Mini-Magazine im Selbstverlag, das Kettenmail-Werk „Wenn die Welt ein Dorf von 100 Menschen wäre“ und ein großartiges Kompendium über sämtliche Dummheiten der Menschheit führen ins Hier und Jetzt. Wie japanische Buchdesigner in ansprechend kleinformatigen Büchern der Wirtschaftskrise Rechnung tragen, zeigt neue Bescheidenheit.

Quelle: op-online.de

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