Einbruch des Humors in düstere Welt

Beim Schreiben hat Jan Costin Wagner die Frankfurter Romanfabrik im Kopf. Natürlich nicht ständig, aber der Autor weiß, dass er dort seine Lesetournee mit dem fertigen Buch starten wird. Im bestens besuchten Haus stellte er „Im Winter der Löwen“ vor, den dritten Krimi um den melancholischen finnischen Polizisten Kimmo Joentaa.

Das Publikum, mit dem 36-Jährigen mehrheitlich eines Alters und per Du, lauschte gebannt.

Die mit „Eismond“ erreichte, mit „Das Schweigen“ bravourös behauptete stilistische Höhe kann Wagner mühelos halten. Seelisches Geschehen spiegelt sich in lakonischen Dialogen. Inhaltlich bricht dagegen Neues in das Leben des Protagonisten ein. Zwar trauert Kimmo noch um seine verstorbene Frau Sanna. Indes wird nichts aus der weihnachtlichen Gedenkstunde mit einer Flasche Wodka und einem Glas Milch.

Platzt doch eine Prostituierte, die einen Kunden der Vergewaltigung bezichtigt, erst in sein Büro, wo sie sich aggressiv gebärdet, dann in sein Domizil, wo sie plötzlich mit ihm das Bett teilt. Unverhofft klingelt ein Freund – später das Telefon: Mord! Der Gerichtsmediziner weilt schon am Tatort. „Er ist das Opfer“, sagt ein Kollege knapp.

Der trockene Humor ist neu in Joentaas düsterer Welt, die den Südhessen und Wahlfinnen Wagner unter die großen aktuellen Krimischriftsteller Skandinaviens einreiht. Einen anderen Tonfall schlug der in Langen geborene frühere Mitarbeiter dieser Zeitung aus der Perspektive des TV-Moderators an, in dessen Talkshow das Opfer aufgetreten ist und auf den ein Messeranschlag verübt wird. Und ganz andere Klänge entlockte er dem Flügel, auf dem er zwischendurch melodische Eigenkompositionen zu Gehör brachte. Einziger Kommentar: „Wenn Kimmo Klavier spielen könnte, würde er wahrscheinlich so Musik machen.“ MARKUS TERHARN

Quelle: op-online.de

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