Eine Absage, die irritiert

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Filmemacher Christoph Schlingensief

Frankfurt - Die schlechte Nachricht kam in buchstäblich letzter Minute: Christoph Schlingensief sollte gestern im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) zur Pressekonferenz erscheinen, musste aber kurzfristig absagen. Von Carsten Müller

Die schwere Krebskrankheit des Allround-Künstlers hat sich verschlimmert, er musste dringend seine Ärzte in Berlin konsultieren. So war es MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer vorbehalten, einen ersten Ausblick auf den von ihr kuratierten deutschen Pavillon zur Kunst-Biennale in Venedig 2011 zu geben.

Mit Blick auf die umstrittene Geschichte des Gebäudes, das Mussolini einst Hitler schenkte, aber auch auf die Ausstellungshistorie in den Jahrzehnten nach dem Krieg habe sie sich die Frage gestellt, wie eine nationale Repräsentanz in der heutigen, globalisierten Welt aussehen könnte, erläuterte die 43-Jährige ihren Ansatz. Für diese Aufgabe suchte sie „einen Künstler, der für die Kultur in diesem Land steht, einen Künstler meiner Generation, der Deutschland einige Jahrzehnte erlebt hat“.

Christoph Schlingensief repräsentiere diese Anforderungen in idealer Weise. Er sei ein Gesamtkünstler, der sich in keine Kategorie einordnen lasse, bewusst Grenzen überschreite und Genres auflöse. Von den Anfängen als Filmemacher über seine Arbeit als politischer Aktivist, Künstler und Regisseur an Schauspiel- und Opernbühnen habe Schlingensief immer wieder Wahrheiten in Frage gestellt und die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschoben.

Den Ausschlag für die Entscheidung zu seinen Gunsten habe sein Operndorf in Burkina Faso gegeben, weil er dort Fragestellungen aus dem nationalen in einen internationalen Kontext übertragen habe. Gaensheimer kennt seine Absichten zwar nicht, ist aber überzeugt: „Christoph Schlingensief wird es gelingen einen neuen Ansatz für den Pavillon zu finden und eine neue Erfahrungsdimension zu erschließen. Es wird keine statische Ausstellung werden, sondern ein über die gesamte Laufzeit gedachtes Projekt.“

Man sah Schlingensief im Anzug

Der Besuch der Aufführung des neuen Stücks „Via Intolleranza II“ am Wochenende im Bayerischen Staatstheater habe sie in ihrer Entscheidung bestätigt. Schlingensiefs Analyse des Verhältnisses zu Afrika sei von zwingender gesellschaftlicher Relevanz. Der Künstler beziehe sich selbst und das Publikum in „dichter, bestürzender Direktheit“ ein, gestehe sogar sein eigenes Scheitern ein. Gaensheimer zeigte sich beeindruckt von der starken körperlichen Präsenz des Künstlers.

Davon hätte man sich an diesem Vormittag in Frankfurt sicher gern ein Bild gemacht. Befremdlich war die Abwesenheit Schlingensiefs jedoch nicht nur für die unmittelbar Beteiligten. Der ersatzweise vorgeführte, gut zweieinhalbminütige Mitschnitt einer Szene aus der Münchner „Via Intolleranza II“-Aufführung wirkte mit seiner schlechten Ton- und Bildqualität wie eine Botschaft aus einer anderen Dimension.

Man sah Schlingensief im Anzug, der inmitten folkloristisch gewandeter Mitstreiter auf der Bühne oberlehrerhaft mit einer Zeitung wedelte. „Weißt du überhaupt, was das ist? Das ist Papier, davon kann man Zeitungen drucken. Das kennst du nicht“, herrscht er einen Schwarzen an: „Was seid ihr nur für Menschen?“, brüllt er. „Ich kann mich nicht bewegen. Die Metastasen sind zurück. Ich muss zum Kernspin – kann das jemand den Negern übersetzen?“

„Seit vier Jahren kämpft Christoph Schlingensief mit der Krankheit, dabei gibt es Höhen und Tiefen. Nicht nur er, wir alle müssen damit umgehen lernen“, meinte Gaensheimer, die keinen Anlass sieht, einen „Plan B“ bereitzuhalten. Hoffentlich war der verhinderte Auftakt kein negatives Vorzeichen.

Quelle: op-online.de

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