Eine Frage der Moral

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Sir Robert Chiltern (Richard Grieve, vorn) hat ein Problem mit Mrs. Cheveley (Emma Palant), das sein Freund Viscount Goring (Gregory Finnegan, Mi.) vielleicht lösen kann.

Frankfurt - Sir Robert Chiltern (Richard Grieve) ist ein Mann von Ehre. Vermögend ist er obendrein und auf dem Weg, eine glänzende politische Karriere zu bestreiten. Ein idealer Gatte also für Lady Chiltern (Sarah Desmond), die mit ihren hehren moralischen Ansprüchen nicht hinter dem Berg hält. Von Christian Riethmüller

Doch Sir Roberts makellose Fassade droht nicht nur Risse zu bekommen, sondern gleich zusammenstürzen, als ihn bei einer Abendveranstaltung Mrs. Cheveley (Emma Pallant) unverblümt erpresst. Die Dame hat schriftliche Beweise, dass Chiltern sein Vermögen durch einen Schwindel erlangte und will ihn nun dazu nötigen, mit einem weiteren Schwindel auf politischer Ebene ihr Vermögen zu mehren.

Kompromittierende Schriftstücke spielen in Oscar Wildes geistreicher Komödie „An ideal Husband“, die nun in einer Inszenierung von Simon Green im English Theatre Frankfurt zu sehen ist, durchaus eine Rolle, wenngleich die an französische Boulevard-Komödien des späten 19. Jahrhunderts angelehnte Handlung mit ihren Irrungen und Wirrungen natürlich nur Vehikel für etwas Größeres sein kann, nämlich Wildes genialen Witz. Die Dialoge scheinen vor geistreichen Anspielungen und spitzen Sticheleien schier zu bersten und manche Wendung dürfte weniger dem Fortlauf der Handlung als eher der Befriedigung von Wildes überbordender Lust am feinsinnigen Spott gedient haben.

Handlung bei Verständnishürden keine Hilfe

Diese auch heute noch begeisternde Sprachkunst Wildes hat Simon Green in den Mittelpunkt seiner Inszenierung gestellt, die mit einigen Sehgewohnheiten bricht, die mancher Theaterbesucher mit dem English Theatre verbinden könnte. Wurde dort bisher stets Wert auf aufwendige Bühnenbilder gelegt, genügt nun ein von schwarzen Wänden umgebener Raum, in dem lediglich einige Stühle und Tischchen als Requisiten dienen. Die Darsteller sind zwar noch in von Constanze Walldorf nach dem Chic des späten Viktorianischen Zeitalters entworfene Kostüme gewandet, scheinen in ihrer Mimik und Gestik mitunter aber eher in der Postmoderne zu wandeln.

Weitere Aufführungen bis zum 18. April

Diese umfassende Reduktion hat ihren Grund. Green wollte die Einflüsse minimieren, die von Wildes Sprache und ihrer ganz eigenen Musikalität ablenken könnten. Literaturfreunde dürfte dieser Ansatz freuen, denn derart konzentriert wird man Oscar Wildes famose Zeilen allenfalls beim Lauschen eines Hörbuchs präsentiert bekommen. Mehr als solide Englischkenntnisse sind für diesen Genuss aber unabdingbar, will man etwa die Sottissen, die Viscount Goring (glänzend: Gregory Finnegan) auf seinem Weg vom Nichtsnutz zum Retter in der Not von sich gibt, alle erfassen.

Die Handlung selbst, die zu einem glücklichen, aber in gewisser Weise vergifteten Ende kommt, ist beim Überwinden etwaiger Verständnishürden keine große Hilfe. Die Bühnenexistenzen führen nur Oscar Wildes ironisches Spiel mit den Moralvorstellungen und Konventionen seiner Zeit vor.

Quelle: op-online.de

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