Eine Frau auf Distanz zu allen und zu sich selbst

Offenbach - Gern wüsste man, was vorgefallen ist – oder halt nicht. Aber wenn das Stück anhebt, ist die Hochzeitsreise nach sechs Monaten eben zu Ende und die Teilnehmerin arg angeödet. Kein glücklicher Start in die Ehe für „Hedda Gabler“, rätselhafteste aller Frauengestalten Henrik Ibsens. In Sebastian Schugs Regie wahrt die Titelheldin ihr Geheimnis bis zuletzt. Von Markus Terharn

Das Gastspiel des Theaters Bremen passt perfekt in die Reihe „Theater-Essenz Offenbach“, verdichtet es doch das Drama des Norwegers auf 90 Minuten. Eigentlich haben die Hansestädter ja Goethes „Wahlverwandtschaften“ mitbringen wollen, aber die Kulissen eignen sich nicht für das Capitol. Was das Publikum versäumt hat, ist Spekulation; vom Gesehenen zeigt es sich äußerst angetan.

Christian Kiehls Bühnenbild versetzt die Geschichte von 1890 entschlossen ins Eigenheim-Idyll der Gegenwart. Ein Klavier erlaubt bürgerliche Musikpflege, eine Ledergarnitur spießige Bequemlichkeit. Allerdings gestatten die drei winzigen Fenster wenig Ausblick in die Umgebung ...

Auch Hedda ist eine Heutige, vom Kopfhörer bis zu den Louboutinschuhen (Kostüme: Geraldine Arnold). Von Beginn an verstrahlt Franziska Schubert, mit pechschwarzer Perücke, die nötige Eiskälte. Diese Dame ist auf Distanz zu allen, auch zu sich selbst. Ihr nimmt der Zuschauer sofort ab, dass sie nur ein Talent hat, das, sich zu Tode zu langweilen. Sie lässt erstarren, wenn sie verkündet: „Ich will ein einziges Mal im Leben Macht über das Schicksal eines Menschen haben.“

Als würdiges Opfer hat sich ihr Gatte Jörgen Tesman früh disqualifiziert. Mit Gelfrisur, Hornbrille und T-Shirt überzeugt Sven Fricke als intellektueller Schluffi samt Zügen von Weltfremdheit, mehr an kulturwissenschaftlicher Arbeit interessiert als an seiner begehrenswerten Frau. Ihn zu manipulieren stellt keine Herausforderung dar. Auch Thea Elvstedt, die bereits als Kind Ziel von Heddas Mobbing war, ist keine ebenbürtige Gegnerin. Susanne Schrader gibt sie zunächst verhuscht bis verklemmt, blüht indes auf, wenn Eilert Löv borg ins Spiel kommt.

Glenn Goltz verkörpert diesen genialischen Geistesmenschen mit dem Hang zur Verlotterung, gleich stark in der Begeisterung wie in der Verzweiflung. Er hat ein Buch geschrieben, um das Tesman ihn beneidet, und verliert im Suff das Manuskript. Das ist bei Hedda ebenso in falschen Händen wie seine Existenz: Sie vernichtet beides.

Damit sie sich über diesen „Erfolg“ nicht lange freuen kann, sieht sich Hedda der Erpressung von Richter Brack ausgesetzt, den Guido Gallmann als unangenehmen Bürokraten mit Bürstenschnurrbart anlegt. Er weiß, dass Lövborg sich mit ihrer Pistole getötet hat. Und da sie von ihrem Vater nicht nur immer noch den Nachnamen, sondern auch ein großes Waffenarsenal hat, beendet sie die Tragödie konsequent mit ihrer Selbstentleibung. Diesen Knall spart die Inszenierung aus. Doch der Schuss sitzt!

Quelle: op-online.de

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