Eine Region wird evakuiert

Frankfurt - Es geht um eine Alternative zum Suizid. Zumindest dem Kerngedanken nach. Selbstverständlich braucht nicht jeder Teilnehmer notwendig auf dem Sprung zum Selbstmord zu sein, ein gewisser Überdruss an den Widernissen des Alltags genügt schon. Von Stefan Michalzik

„Frankfurt evakuieren“ lautet die Parole auf Flyern zu einem Vorhaben des japanischen Regisseurs und Konzeptkünstlers Akira Takayama, mit dem das Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm im September die neue Spielzeit eröffnen wird. Die Unternehmung erstreckt sich über die ganze Region, es werden auch Kärtchen mit dem Appell „Offenbach evakuieren“ verbreitet. Wer teilnehmen will, wird individuell unterwegs sein. Ausgehend von mindestens dreißig S- und Straßenbahnstationen werden Orte abseits der allgemeinen gesellschaftlichen Wahrnehmung erschlossen.

Unter www.evakuieren.de gilt es zunächst, einige Fragen zur persönlichen Disposition mit Blick auf den „Grad an Alltagsverdrossenheit oder urbaner Identitätsmüdigkeit“ zu beantworten. Dem „Rettungssuchenden“, von dem Takayama ausgeht, gibt das Programm daraufhin eine Reiseempfehlung an die Hand. Die Ziele sind entweder urbane Readymades, oder man bekommt Telefonnummern, über die man ungeahnte Verabredungen treffen kann. An anderen Stellen warten Aktionen einer Reihe internationaler Künstler.

Die Idee hat Akira Takayama 2010 in Tokio entwickelt. Dort verkehrt die Yamanote-Ringlinie, nach einer Stunde kommt jeder Zug wieder am Ausgangspunkt an. Seit etlichen Jahren wird die Taktung jedoch oft gestört, die Linie ist bei Selbstmördern beliebt; Suizid ist in Japan die zweithäufigste Todesart. Den Menschen andere Wege der Flucht zu erschließen, von diesem Gedanken ist Takayama ausgegangen - wenige Monate vor der Nuklearkatastrophe von Fukushima. Der Begriff Evakuierung, sagt er, sei seither anders besetzt und nicht mehr im ursprünglichen Sinne zu gebrauchen.

Matthias Pees, der die Intendanz des Mousonturms im August vergangenen Jahres aus dem Stand heraus übernommen hat, führt das Institut des „Assoziierten Künstlers“ ein. Akira Takayama ist einer davon, der Autorenregisseur Dieudonné Niangouna, der aus Kongo-Brazzaville stammt, der zweite. Drei Jahre sollen sie hier arbeiten, Pees will die Rolle des Mousonturms als Haus der Künstler stärken, dem Publikum erschließe sich die Möglichkeit einer mittelfristigen Auseinandersetzung mit den Positionen.

Mit dem transkulturellen Austausch im Sinne von Nachahmung und Verspottung beschäftigt sich Niangouna. Der eigenen Biographie nach erzählt er in „Le Kung Fu“ von der frühen Erfahrung des Genrefilms. Mittels dieser Einflüsse aus der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie, die sich ihrerseits bei einer fremden Kultur bedient hat, habe er sein Selbst konstituiert.

Neuerlich will der Mousonturm sich öffnen für ein internationales - nicht deutschsprachiges - Theater. Zugrunde liegt der Gedanke, dass die Differenz zwischen Schauspieler und Performer sich zunehmend vermischt. Ungeachtet dieser Neuerungen, versichert Intendant Matthias Pees, sollen die angestammten Schwerpunkte Tanz und Performance keineswegs zu kurz kommen. Schlagende Worte hat die neue Tanzdramaturgin Anna Wagner geprägt. „Radikale Kontinuitäten und Veränderungen“ verheißt sie.

Quelle: op-online.de

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