„Himmelstürmend - Hochhausstadt Frankfurt“

Eine Stadt will nach oben

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Weltstadt im Kleinen: Der Hochhausbau in Frankfurt prägt das Stadtbild, stiftet Identität und nicht selten politischen Streit.

Frankfurt - Die Frankfurter Skyline ist ein internationales Markenzeichen - zuletzt reihte sich das EZB-Hochhaus von Coop Himmelblau in die Kette hiesiger Architektur-Perlen ein. Von Carsten Müller 

Karl Jung entwarf 1949 ein Hochhaus für den Baseler Platz.

Was liegt näher, als die einmalige Silhouette zum Thema einer Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum zu machen? Die nach städtischer Topographie angeordnete Schau „Himmelstürmend“ blickt in Historie, Gegenwart und Zukunft von Deutschlands „einziger Hochhausstadt“, wie Museumsleiter Peter Cachola Schmal erzählt. Kurator Philipp Sturm konnte dafür unter anderem auf den Nachlass von ABB-Architekten zurückgreifen, das in den 1970er/80er Jahren stadtbildprägende Architekturbüro, das unter anderem den Silberturm der Dresdner Bank entwarf.

Zeichnung des Büros Mies van der Rohe für die Commerzbank

Der Hochhausbau am Main begann in den 1920/30er Jahren mit relativ beschaulichen Gebäuden wie Mousonturm, Gewerkschaftshaus und IG-Farben-Haus. Nach dem von Stadtbaumeister Herbert Böhm entwickelten ersten Rahmenplan entstanden in den fünfziger Jahren mehrgeschossige Bauten nur am Alleenring. Lange Zeit galt Böhms Credo, dass die Spitze des Doms mit seinen gut 95 Metern höchster Punkt der Innenstadt bleiben sollte. Freilich wurden die Hochhaus-Rahmenpläne fortgeschrieben. In den 1960er Jahren etwa entwickelte man die Idee entlang der Bockenheimer Landstraße neue Hochhäuser entstehen zu lassen und entfesselte einen Häuserkampf, der die Stadt in ihren Grundfesten erschütterte und einen Baudezernenten den Job kostete. Spekulanten, die Mieter mit fragwürdigen Methoden vertrieben, trafen auf Hausbesetzer, die vor Gewalt nicht zurückschreckten. Der sogenannte Fingerplan wurde bald abgeschwächt.

Im einstigen Henninger-Turm entstehen neue Wohnungen.

Bankentürme, die Frankfurt einst den fragwürdigen Ruf als „Krankfurt“ und „Bankfurt“ bescherten, entstanden auf Grundlage des City-West-Plans von 1973, der die Verdichtung der Neuen Mainzer Straße mit Häusern bis 160 Meter Höhe erlaubte. Albert Speers City-Leitplan (1983) und der Rahmenplan Bankenviertel von Novotny und Mähner Assoziierte (1990) bereiteten Main Tower und Commerzbank Tower das Feld, Christoph Mäckler entwickelte in den 1980er Jahren ein „Frankfurt-Projekt“, das 250 Meter hohe Häuser an Kreuzungspunkten des Alleenrings mit den Ausfallstraßen vorsah. Noch höher hinaus wollte Architekt Helmut Joos mit dem „Campanile“ hinter dem Hauptbahnhof. Über 260 Meter sollte der Turm erreichen, dessen Originalmodell zu besichtigen ist. Daneben ein Foto des Architekten, der seinen Entwurf wie eine Trophäe präsentierte. Das Projekt scheiterte letztlich an einer Anwohnerin, die ihre Nachbarschaftsrechte nicht für Millionen verkaufen wollte.

„Himmelstürmend - Hochhausstadt Frankfurt“ vom 8. November bis 19. April im DAM - Deutsches Architekturmuseum Frankfurt, Schaumainkai 43. Geöffnet: Dienstag sowie Donnerstag bis Sonntag von 11-18 Uhr, Mittwoch von 11-20 Uhr

Aus dem Stadtbild verschwundene Bauten wie das Shell-Hochhaus am Nibelungenplatz tauchen ebenso auf wie nie gebaute Entwürfe zum Commerzbank Tower, teils in Originalmodellen. Für den alten Commerzbank-Sitz lieferte übrigens auch das Büro Mies van der Rohes einen Entwurf, der nicht zum Zuge kam - es wäre das einzige Van-der-Rohe-Gebäude Europas gewesen. Die Zeichnung kommt aus der New Yorker MoMA-Sammlung. Frankfurts Hochhaushistorie ist reich an Anekdoten, ob der visionäre Aprilscherz in den „Frankfurter Nachrichten“ von 1927, der den Opernplatz schon mit Blockrandbebaung zeigte, oder futuristische Entwürfe zur Überbauung des Hauptbahnhofs in den 1970er und 1990er Jahren. „Frankfurt 21“ ist der Stadt glücklicherweise erspart geblieben.

Egon Eiermann lieferte die kühne Vorlage für das Olivetti-Hochhaus.

Dass die Höhenflüge nicht beendet sind, beweisen unter anderem Modelle renommierter Architekten für Gateway Garden auf der ehemaligen US-Airbase am Flughafen oder neue Wohnhochhäuser. Eine solche Nutzung käme auch für die in Teilen leer stehende Bürostadt Niederrad in Frage, die nach Ende der Abschreibung städtebauliche Altlast werden könnte. Sofern ihr das Schicksal des vor kurzem gesprengten AfE-Turms der Goethe-Universität erspart bleibt, von dem unter anderem der Original-Raumplan übrig blieb. Nicht zuletzt erzählt ein weiteres Kapitel der sehenswerten Schau wie schwarze, rote und rotgrüne Politik der Skyline ihren Stempel aufdrückte.

 

Quelle: op-online.de

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