In einem Aquarium der Kunst

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Interieur im Hochwasserhaus in Leutesdorf

Offenbach - Die Offenbacher Künstlerin Ursula Goldau ist in ihrem Geburtsort Leutesdorf am Rhein mit Hochwassern groß geworden. Diese Erfahrungen fließen in ihr Werk ein, das nun im Hasu der Stadtgeschichte ausgestellt wird. Von Reinhold Gries 

Beim Eintauchen in die „Hohe Wasser“-Malinstallation der Offenbacher Künstlerin Ursula Goldau im Haus der Stadtgeschichte schwimmt man in einem Aquarium der Kunst. Ein kleiner Ozean maritimer, urbaner, gesellschaftskritischer und sehr persönlicher Malszenen umspült den faszinierten Betrachter. Die Szenerie samt floßartiger „Rettungsinsel“-Installation und farbgetränkten Sprühschablonstreifen wirken zunächst wohltuend auf Augen und Seele. Das passt Goldau ins Konzept: „Mit meinen Arbeiten möchte ich Menschen Kraft und Energie geben“.

Doch bei weiterem Hineinsehen in oft mit ungemein leichter Hand gemalte Tableaus, die an den genialen Malduktus des französischen Fauvisten Dufy erinnern, merkt man: Goldaus Ansatz geht tiefer. Denn in ihrem Geburtsort Leutesdorf, direkt am Rhein bei Andernach, ist sie mit Hochwassern groß geworden, zuweilen hat sie jährlich acht Überflutungen ihres Lebensraums erlebt. Trotzdem weicht die in vielen Sammlungen und Museen vertretene Rheinländerin (Jg. 1950) nicht aus ihrem Geburtshaus, einem ehemaligen Fronhof am Strom, der ihr Lebensparadies schnell in einen Alptraum verwandeln kann.

Erinnerungen ans Hochwasser mit Eisgang von 1954 übers Sommerhochwasser 1970 bis zu „Jahrhunderthochwassern“ seit 1993 spiegeln sich in vielen Mal- und Schrifttableaus. Ins Diptychon „Schwanengesang – in Schönheit sterben“ hat Goldau detailliert die Pegelstände des Rheins eingetragen: „24. 12. 93 – 1052 cm – 5 cm im 1. Stock/ 23. 12. 94 – 1042 – nicht im 1. Stock – 26. 1. 95 – 865 cm – Im Haus…“. Das Motiv erinnert an Bilder, in denen Schwäne in ihrem überfluteten Garten umherschwammen.

Von der Längswand der Industriehalle, deren Pfeiler mit Main-Pegelständen markiert sind, ergießt sich ein Bildpanorama in „Petersburger Hängung“ über den Betrachter, der sich (symbolisch) auf die Rettungsinsel zurückziehen kann. Sie besteht aus Bündeln angespülter Äste von Rhein, Main und Meeresstrand, umhüllt mit Wassersprüchen auf Papier und Textil. Allerdings, Goldaus Interieurs zum überfluteten Atelier in Leutesdorf, umschwommen von exotischen Fischporträts und kommentiert mit Sprühfarbentexten sind so reizvoll gemalt, dass man gar nicht Abstand nehmen möchte. Auch nicht wegen des einladenden Liegestuhlmotivs zu „Offenbach am Meer“ und exotisch gemalter „Wüsten-“ und „Tigerfische“ über siebenteiligem Unterwasser-Panorama. Daneben hat Goldau mit viel Ehrfurcht vor der Kraft des Wassers, „aus dem wir ja alle bestehen“, Leinwand-Großformate gehängt, auf denen 120 Wassersprüche aus blauer Tusche und Malpigmenten in Flußwellen treiben oder auf denen der bedrohliche „Andernacher Berg“ – samt historischen Texten zum „Magdalenenhochwasser“ von 1342 - ins Steilufer abstürzt. Dass die Künstlerin auch ihr Herz für ihre neue Heimat sprechen lässt, sieht man nicht nur am blauen Offenbacher Mainhecht über Isenburger Schloss und leicht verstecktem Bekenntnis unter der Nike-Figur aus der Antiken-Serie: „Ich liebe dich Offenbach“.

Ihre zentrale Installation heißt „Klimakonferenz“. Da fließen aus einem Abflussrohr in der Wand wie beim Wasserhahn gegenüber nur Phrasen und „leere Worte“. Über Goldaus Gefühlszustand angesichts real erlebter Klimafolgen gibt auch eine Schriftkomposition Auskunft: „Ich weiß nicht, was das alles bedeuten soll/ Vom Grund weiß ich und bin traurig sehr.“ Neben dem Tiger am Wasserloch sieht man einen Wüstenknaben, irgendwo angesiedelt zwischen staubtrockenem Verdursten und der nächsten Hochwasserflut…

‹ Die Ausstellung „Ursula Goldau – Hohe Wasser“ im Haus der Stadtgeschichte Offenbach, Herrnstr. 61, ist von 8. Juni bis 13. Juli zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Do, Fr 10 bis 17 Uhr, Mi 14 bis 19 Uhr, Sa, So 11 bis 16 Uhr. Die Vernissage am Pfingstsonntag beginnt um 15 Uhr

Quelle: op-online.de

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