Heute beginnt der 12. Rundgang der Offenbacher Hochschule für Gestaltung.

Mit einem Bein schon im Hafen

In der erstmals bespielten Ölhalle sind fortgeschrittene Positionen aus Installation, Fotografie und Malerei zu sehen.

„Es ist angerichtet.“ Professor Bernd Kracke, Präsident der Offenbacher Hochschule für Gestaltung, war sichtlich zufrieden mit dem abwechslungsreichen Menü, das Dozenten und Studierende seiner Hochschule für den am Wochenende anstehenden 12. Rundgang zusammengestellt haben.

Facetten des gegenwärtigen Schaffens in den beengten Räumlichkeiten am Isenburger Schloss werden darin ebenso beleuchtet, wie ein mutiger Blick in die Zukunft geworfen, den Umzug auf den Hafen-Campus.

„Nach dem Scheitern der Pläne für die Internationale Bauausstellung ist das Campus-Projekt eines der wichtigen verbliebenen Leitmotive der städtebaulichen Entwicklung in der Region“, sieht Kracke selbst in der negativen Botschaft aus Wiesbaden eine Chance keimen. Dazu präsentieren Architekturstudenten aus Dessau ihre Visionen vom wassernahen Kreativ-Campus als „Insel der Sinne“. Und selbst der Jahresbericht trägt mit seiner Vieldeutigkeit zur Aufbruchstimmung bei: Er heißt „Flow“ – alles im oder besser am Fluss.

Das Dilemma des jetzigen Standorts wird augenfällig angesichts der drangvollen Enge in Räumen und Gängen, wo zum Rundgang Exponate verschiedener Disziplinen wie Bühnenbild, Design, Medienkunst, Fotografie, Bildhauerei, Installation und Malerei präsentiert werden. Auch deshalb unternimmt man ganz bewusst den Sprung nach draußen, bespielt Mainpromenade, Klingspormuseum, den zum Performance-Pavillon umgewidmeten Gemeindesaal des Evangelischen Gemeindeverbands und die Hafeninsel bis hin zum Frankfurter Atelierschiff. Den langen Atem sollten sich Besucher des heute Abend beginnenden Rundgangs indessen für die Exponate aufsparen: Ein Wasser-Taxi und Leihfahrräder erleichtern den Pendelverkehr zwischen den Stationen.

Sinnliches Erleben in gleich mehreren Dimensionen verspricht beispielsweise die Präsentation zu Georg Friedrich Händels Barockoper „Rinaldo“, die Professor Rosalie, Bayreuth-erfahrene und international renommierte Bühnenbildnerin, mit ihrer Klasse und Studenten der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst erarbeitet hat.

Perücken, Kostüme, Bühnenmalerei und Requisiten im Theaterraum tragen unverkennbar die intensive Farb-Handschrift Rosalies. Im Theaterraum erklingen Arien und Duette im Stundentakt, auch getanzt wird auf der mit Richtblock blutrünstig ausgestatteten Kreuzfahrer-Bühne . Als „Work in Progress“ arbeitet die Kostümwerkstatt. Freischwebend ist da jedoch nichts: Am 25. und 28. Oktober wird „Rinaldo“ im Theater Rüsselsheim aufgeführt.

Nutzanwendungen für weitaus spätere Zeiten haben die Produktdesigner des interdisziplinären und international vernetzten Taxi-Projekts im Sinn. Unter dem Titel „TukTuk 2.0“ präsentieren sie ihre Visionen einer Mobilität von übermorgen, die in Zusammenarbeit mit Studenten aus Rio de Janeiro, Lima, Istanbul, Teheran, Shanghai und Djakarta unterschiedliche Ansätze für die Droschkenkutscher, Rikschafahrer und TukTuk-Piloten in den Megacitys liefern.

Angefangen beim Nachdenken über vernetzte Verkehrssysteme bis hin zur Innenraumgestaltung und der Architektur von Taxiständen reicht das Spektrum, das so interessante Ansätze wie ein Transportmittel für Einkaufszentren oder ein luftreinigendes Fahrzeug liefert. Das hat auch einen großen Taxen-Hersteller beeindruckt: Mercedes-Benz fördert die Arbeit der Offenbacher.

Vorschläge zur Gestaltung des HfG-Umfelds präsentieren Entwürfe des Projekts „Autarkes Licht“, einem von der EVO mitgetragenen Projekt. Energie erzeugt beispielsweise der Lichtspielplatz, während Solar-Straßenlaternen sich der Sonnenkraft bedienen und die tragbaren Leuchten für abendliche Flanierer von Hand an der Strompumpe aufgeladen werden.

Der Fotografie ist das frisch renovierte Kreuzgewölbe der Schlosskapelle vorbehalten. Thomas Weyand hat dort große Vorbilder, Türme der Fotografie-Legenden Becher, im Eisenbahn-Modell wiederentdeckt und mit hochauflösendem Film täuschend realistisch langzeitbelichtet. André Kirchner malträtierte Kleinbildfilm beispielsweise im Kompost und erzeugte malerisch veränderte Positive.

In der Aula und den Fluren davor zeigen Studenten von Heiner Blum experimentelle Raumkonzepte, einen Bogen zwischen großflächiger Malerei mit installativem Charakter über Bodenskulpturen bis hin zur Medienkunst spannend, wie sie von Gökhan Erdogan beispielhaft vorgeführt wird. Er hat Kamera und Software so programmiert, dass immer wieder ein und dasselbe Bild abfotografiert wird. Wie beim Kopierprozess schleift sich die Oberfläche ab, verliert das Selbstporträt an Qualität. Ein Übergang zwischen medialer und malerischer Position, typisch für die HfG-Ausbildung.

Erdogans Porträts empfangen den Besucher des neuen Ausstellungsorts Ölhalle. Im Großformat reagieren sie mit verschobenen Farbwerten auf die Ziegelsteinstruktur der Wände. Bis 2. August zeigt man auf dem Hafengelände jeweils am Wochenende Bildhauerei, Fotografie, Malerei und Installationen höherer Semester. Etwa die ambitionierten Sinti-und-Roma-Fotografien von Anna Pekala oder Raumebenen durchbrechende Malerei des Johannes-Mosbach-Preisträgers Erik Pfeiffer. Die Professoren Wolfgang Luy und Adam Jankowski haben den Standort bereits ins Herz geschlossen. Mit einem Bein ist man also schon im Hafenviertel angekommen. CARSTEN MÜLLER

Quelle: op-online.de

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