Einflüsterer seines Herrn

Tanz mit dem Teufel: Othello (Joachim Nimtz, rechts) und Jago (Aljoscha Stadelmann) Foto: Englert

Es ist eine raue Soldatenwelt, und so wird direktes Landserdeutsch gesprochen: Othello ist „der Neger“, wenn nicht „die Negersau“. Vorgänge des Geschlechtsakts und der Verdauung werden vulgär beim Namen genannt. So primitiv und abstoßend wie sein Wortschatz sind Jagos Instinkte. Und all das bloß, weil er sich bei der Beförderung übergangen fühlt?

Richtig plausibel ist diese Motivation in Simone Blattners Inszenierung nicht. Aber wie die Regisseurin im Schauspiel Frankfurt die Wucht der Shakespeare-Tragödie entrollt, das beeindruckt.

So radikal wie mit dem Text nach einer Übersetzung von Horst Laube, in dem zwischen gegenwärtiger Prosa immer mal wieder klassische Verse aufblitzen, verfährt die Dramaturgie mit dem Personal. Fünf Schauspieler, sämtlich männlich, teilen sich sechs Rollen, zwei davon weiblich. Noch rigoroser freilich ist Alain Rappaport mit dem Großen Haus umgegangen. Der Anblick beeindruckt. Den Prolog erlebt das Publikum hinter den Kulissen, stehend. Dann erst nimmt es unter Sturmgebraus auf den vier Seiten der abgesenkten Bühne Platz, in zwei Etagen, die schwarz um den grau ausgelegten Boden herum gezimmert sind. Mehr Draufsicht und Nähe zum Geschehen geht nicht.

Dreh- und Angelpunkt ist natürlich Jago, den Aljoscha Stadelmann mit erdrückender Physis ausstattet. Als schmieriger Intrigant zieht er alle Register der Verleumdung – zunächst mit staunenswerter Beiläufigkeit und Harmlostuerei, zuletzt mit widerwärtiger Brutalität. Diese Entwicklung ist im Grunde keine Steigerung, sondern nur die konsequente Entwicklung seiner von Anfang an erkennbaren Verrohung.

Dem hat Othello, Mohr im Generalsrang, wenig entgegenzusetzen. Von Joachim Nimtz stimmlich stark, seelisch schwach angelegt, erliegt er nur zu gern den Einflüsterungen seines Fähnrichs. Opfer der Leichtgläubigkeit ist zum einen Leutnant Cassio, den Patrick Heyn als blond gelockten Schönling mit dem Drang, seine Männlichkeit zu beweisen, gibt. Dass er etwas mit Othellos Frau Desdemona hat, mag sie noch so glaubhaft leugnen: Es hilft nichts. Bert Tischendorf, von Sabin Fleck in Frauenkleider gesteckt, verleiht seiner Figur eine überzeugende Mixtur aus Sanft- und Lüsternheit. Auch Rodrigo und Emilia, von Rainer Frank in virtuosem Wechsel gemimt, können die Katastrophe nicht aufhalten.

Das Ergebnis hat bei aller verbalen Derbheit leisere Stellen, bei aller Dramatik komische Elemente, bei aller kruden Körperlichkeit zarte Momente. Die Gesamtwirkung ist indes wie die einer Faust, die dem Zuschauer mit voller Gewalt in den Magen gerammt wird; oder gar in eine noch schmerzempfindlichere Gegend...

MARKUS TERHARN

Nächste Vorstellungen: 27. März, 4., 5., 17. und 18. April

Quelle: op-online.de

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