Eingeschlossene Erinnerung

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Transparente Tierhaut ist das bevorzugte Material der Darmstädter Künstlerin Karina Wellmer-Schnell.

Das Innen wird vom Außen durch die Haut getrennt: So fungiert dieser Stoff als Metapher für die Umsetzung von Gefühlen oder Gedanken in die Außenwelt. Es scheint, als habe Karina Wellmer-Schnell ihr ideales Medium gefunden, um ihren inneren Bildern Gestalt zu geben. Sie benutzt Tierhaut. Die Darmstädterin zeigt beim Bund Offenbacher Künstler (BOK) „Erinnerungskomplexe“. Von Tina Owczarek

Wellmer-Schnell bespannt Keilrahmen und bedruckt sie mit Motiven, die sie Fotos entnimmt. Sie biegt Stahlrohre, bestückt sie mit Leder und baut daraus Raum füllende geometrische Formen. Die technische Anmutung der Stangen mit der sinnlichen Ausstrahlung der Haut – da gehen gegensätzliche Materialien eine fruchtbare Einheit ein. Das Leder wirft Falten, hat Risse, manchmal sind Adern zu erkennen. Der Betrachter möchte es anfassen und daran riechen.

Beim ersten Mal war es ein Experiment, als sie das Rohleder beim Gerber kaufte, berichtet die Künstlerin. Doch das Ergebnis überzeugte sie, so dass sie weiter mit dem Material arbeiteten wollte. Manche Objekte wirken wie überdimensionale Lampenschirme. Andere erfüllen die Funktion von Regalen oder Kabinetten. Alle einigt die Eigenschaft, Träger mystischer Botschaften zu sein.

Wellmer-Schnells Arbeiten wecken eine Fülle von Assoziationen. Es ist die Wirkung von Kunst, namenlosen Bildern eine Form zu verleihen, sie begreifbar zu machen – was ihr gelingt. Nicht nur das: Eine ästhetische Freude ist es, die Objekte anzuschauen, wie die Statuetten, die an Porzellanfigürchen aus vergangenen Jahrhunderten erinnern; Frauen in mondänen Posen, Paare beim Kokettieren. Dabei ist ihre Version gegenwärtig. Wellmer-Schnell verwendet Barbiepuppen, in Tierhaut eingebettet.

Ihre Kreativität beweist die Künstlerin auch mit einem Banner, das den Ausdruck „Individuation“ in 34 Sprachen enthält. Dazu suchte Wellmer-Schnell Angehörige verschiedener Völker, ließ sie den Begriff übersetzen, aufschreiben und sprechen. Dann brachte sie die Schriften auf das Leder. Sie erzählt: „Ich lernte viel bei dieser Aktion. Einer ghanesischen Toilettenfrau hörte ich zwei Stunden zu, wie sie berichtete, welche Gedanken ihr gekommen waren. Oder der Inderin, die erklärte, dass es keine direkte Übersetzung dieses Worts gebe, weil man sich in ihrem Land so gut wie nie allein aufhalte.“

Karina Wellmer-Schnell: „Erinnerungskomplexe“, bis 14. Juni im Salon 13, Kaiserstraße 13, Offenbach. Geöffnet Mittwoch und Sonntag, 15 bis 18 Uhr.

Mehr Infos zum Bund Offenbacher Künstler gibt es unter: http://www.bok-of.de

„Erinnerungskomplexe“ ist der Titel der Ausstellung. Die Künstlerin nutzt den Begriff, um Erinnerungen an ihre Laufbahn darzustellen. Das dokumentiert sie mit einem Band von Fotos. Eine Performance schlägt eine Brücke zwischen subjektiver und objektiver Bedeutung des Titels: Sie baute einen Setzkasten aus Rohleder und forderte jeden Besucher auf, aus einer Schale einen kleinen Gegenstand (Muschel, Schiffchen, Kissen, Wurzel) zu wählen. Diesen sollten sie in einem Fach deponieren. Sie verschloss ihn mit einer Schicht Leder. Die Transparenz des Materials lässt eine neue Sicht auf die eingeschlossenen Erinnerungen zu.

Quelle: op-online.de

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