Im Einklang mit der Natur

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Joseph Beuys, „Elch“, Farblithografie, 1975

Bad Homburg - „Ich male, wie das Tier sich fühlt“ (Franz Marc, 1880-1916) – „Ich kann gut empfinden, wie man die Kuh in Indien als heilig verehrt“ (Ewald Mataré, 1887-1965) – „Vielleicht bin ich ein wiedergeborener Höhlenzeichner, der Würde der Natur und Tiere in den Mittelpunkt stellt“ (Joseph Beuys 1921- 1986). Von Reinhold Gries

In Bad Homburgs Sinclair-Haus, zum Finale des Kulturfonds-Projektes „Phänomen Expressionismus“, sieht man, wie ernst es die drei mit ihrer „ganzheitlichen“ Sicht meinten. Eine Seelenverwandtschaft, die man bisher fast übersehen hatte. .

Zuweilen verblüffend ist es, wie eng Malerei, Zeichnung, Grafik und Plastik des „Blauen Reiters“ Marc, des Expressionisten Mataré und dessen Düsseldorfer Schülers Beuys beieinanderliegen, nicht nur bei Robben-Zeichnungen, zum Verwechseln ähnlich und doch anders. Hatte man Kunstpionier Marc, der zeigte, dass Kühe gelb und Pferde blau sein können, doch vorschnell in idyllische Kunstkalender-Ecke gestellt. Und Aktionskünstler Beuys mit bis ins Darmstädter Landesmuseum für Ärger sorgenden Rauminstallationen und Fettecken in die andere, provokative. Und Mataré als Bindeglied zwischen Expressionismus und Nachkriegskunst überhaupt nicht auf der Rechnung.

Auch biografisch drängen sich in Homburg Vergleiche auf zwischen dem 36-jährig im Ersten Weltkrieg gefallenen Marc und dem mit 22 Jahren abgeschossenen Sturzkampfflieger Beuys. Die Ideenwelt von Marcs Lithografie „Geburt der Pferde“ sowie Temperamalereien „Blaues Lamm“ und „Gazellen“ jedenfalls fand über Matarés archaische wie formvollendete Holzplastiken und Holzschnitte Eingang ins Beuys-Weltbild. Mit Blick fürs Elementare gelangen Zeichner Beuys ab 1946 in „Elch“, „Robbe“ und „Roter Hirsch“ gültige Formulierungen, die es zuvor nicht gegeben hatte, unterfüttert durch handschriftlichen Aufruf zur Gründung einer „Partei der Tiere“. Dazu verlieh er verkannten Kreaturen wie Hasen und Bienen mythologische Bedeutung.

Verwandt sind sich die drei Protagonisten auch in avantgardistischem Form- und Veränderungswillen. Marcs „Zwei Leoparden“ und „Abstrakte Komposition“ aus den Skizzenbüchern von 1908 und 1914 provozierten einst durch kubistische bis abstrakte Formzersplitterung und verselbständigte Farben. Wie Christ Marc zuvor wollte Christ Beuys 40 Jahre später erneut vom äußeren Schein der Dinge wegkommen und zum eigentlichen Wesen der Schöpfung vordringen, zu sehen in kurvenreicher Zeichnung „Elch mit Sonne“ oder Wasserfarbenvignette „Drei Elephanten“. Hier wie da ging es auch ums „Geistige in der Kunst“. Dazu gehört das Einfühlen in andere Welten, wie man das im Sinclair-Haus an Philipp Otto Runges Scherenschnitt „Mispelzweig“ von 1805 demonstriert. Irgendwo zwischen Naturerfahrung und -bewunderung wird dann bei Marc, Beuys und Mataré fassbar, was man heute „Romantik“ nennt. Matarés Aquarell „Kuh am Meer“ öffnet neue Blicke in ferne Hügel eines Caspar David Friedrich, auch dessen Liniengespinst bei „Weide“ wirkt mehr als nur „spätkubistisch“.

Noch stärker legen sensibel moderne wie urtümlich wirkende Arbeiten wie Beuys´ „Saugendes Kalb“, „Intelligenz der Schwäne“ und „Feuerspeiender Berg“ frei, was der Menschheit rasant abhanden kommt: der Einklang mit der Natur.

‹ „Franz Marc, Joseph Beuys und Ewald Mataré“ bis 12. Februar 2012 im Sinclair-Haus Bad homburg. Geöffnet: Dienstag 14-20 Uhr, Mittwoch bis Freitag 14-19 Uhr , Samstag und Sonntag 10-18 Uhr

Quelle: op-online.de

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