Emil Nolde Ausstellung im Städel

Blühende Leinwände

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„Das Heilige Feuer“ (1940), Öl auf Leinwand, 70 x 110 cm

Frankfurt - Er verstand es wie kein zweiter, Farben auf der Leinwand zum Blühen zu bringen. Auch deshalb gehören Emil Noldes Blumen- und Gartenbilder zu den populärsten Kunstwerken des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Von Christian Riethmüller 

Aber obwohl das Schaffen eines der bedeutendsten deutschen Expressionisten regelmäßig in thematischen Sonderausstellungen begutachtet werden kann, ist mittlerweile doch mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen, seit eine Retrospektive das Werk Emil Noldes (1867-1956) gewürdigt hatte.

Blick in die Ausstellung mit „Das Leben Christi“ (1911/12), Öl auf Leinwand, Mitteltafel 220,5 x 193,5 cm, Seitentafeln je 100 x 86 cm

Seit dieser letzten Retrospektive 1987 in Stuttgart hat Noldes gewaltiges Werk mit 1356 Gemälden, zahllosen Aquarellen und Zeichnungen sowie über 500 druckgrafischen Arbeiten nochmals neue Interpretationen erfahren. Es ist sowohl in seiner Wirkmächtigkeit auf späte Nachfolger wie die „Jungen Wilden“ der deutschen Malerei der 1980er Jahre gewürdigt worden, wie auch Noldes Verstrickung in die NS-Zeit, in der er ja nicht nur als „entarteter Künstler“ verfemt wurde, sondern eben auch NSDAP-Mitglied war, Gegenstand kritischer Betrachtungen war (siehe weiteren Artikel auf dieser Seite).

„Selbstbild“ (1917), Öl auf Sperrholz, 83,5 x 65 cm

Diese neuen Forschungserkenntnisse zu einer ambivalenten Künstlerpersönlichkeit bilden die Basis für die exquisite Nolde-Retrospektive, die nun im Städel in Frankfurt zu sehen ist. Rund 140 Arbeiten - Gemälde, Aquarelle und Druckgrafiken - aus allen Schaffensphasen Noldes sind da auf zwei Ebenen und in zwölf Kapiteln zu bestaunen. Die Auswahl umfasst bekannte Meisterwerke wie „Frühling im Zimmer“ (1904), „Kerzentänzerinnen“ (1912), „Frau T. mit roter Kette“ (1930), „Großer Mohn (rot, rot, rot)“ (1942) oder den monumentalen, neunteiligen Zyklus „Das Leben Christi“ (1911/12), den die Nazis bei der Propaganda-Ausstellung „Entartete Kunst“ als „gemalten Hexenspuk“ geschmäht hatten und der als Hauptwerk der ersten Nolde-Schauen der Nachkriegszeit zu einer Ikone der Klassischen Moderne in Deutschland avancierte.

„Frau T. mit roter Kette“ (1930), Aquarell, 47,9 x 35,5 cm

Fast noch faszinierender in dieser Retrospektive, die einer lockeren Chronologie von Noldes verschiedenen Schaffensphasen folgt, ist allerdings der Blick sowohl auf Früh- als auch auf Spätwerk des Künstlers. Dies nicht allein, weil diese Arbeiten bei anderen Ausstellungen oft weniger Beachtung fanden oder gleich außerhalb der Nolde-Stiftung Seebüll in Schleswig-Holstein noch nie oder seit Ewigkeiten nicht mehr gezeigt worden sind. Die Auswahl zeigt vielmehr den experimentierfreudigen jungen Künstler, der seine Karriere einst als Bergpostkartenmaler in der Schweiz begann und der erst allmählich zu seinem charakteristischen Stil des farbigen Lichtflirrens fand.

Auf den frühen Nolde wurden auch einige Frankfurter Sammler wie Rosy und Ludwig Fischer oder Carl Hagemann sowie der Kunsthändler Ludwig Schames aufmerksam. Vor allem Schames war von einiger Bedeutung für Noldes künstlerischen Durchbruch. In dessen Galerie fanden immer wieder Nolde-Schauen und 1925 wohl auch die erste Nolde-Retrospektive überhaupt statt. Selbst wenn sich Nolde in Frankfurt nie länger aufgehalten hat und die Stadt, anders als Berlin, auch nie als Vorlage für eine Arbeit diente, schließt sich so 89 Jahre später mit dieser unbedingt sehenswerten Nolde-Schau ein Kreis.

  • Die Ausstellung „Emil Nolde. Retrospektive“ ist bis 15. Juni im Städel Museum in Frankfurt zu sehen. Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa, So 10 bis 18 Uhr, Do, Fr 10 bis 21 Uhr. Der empfehlenswerte, 300-seitige Katalog kostet 39,90 Euro.

Quelle: op-online.de

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