Ende der Erkenntnis

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Nis-Momme Stockmann ist wahrhaftig ein Tausendsassa: Die Entdeckung des vergangenen Jahres hat nach einer Serie von drei Uraufführungen an deutschsprachigen Theatern binnen drei Monaten immer noch viel auf Lager.

Frankfurt - Nis-Momme Stockmann ist wahrhaftig ein Tausendsassa: Die Entdeckung des vergangenen Jahres hat nach einer Serie von drei Uraufführungen an deutschsprachigen Theatern binnen drei Monaten immer noch viel auf Lager. Von Stefan Michalzik

Unter dem Titel „Herkules Manhattans holistisches Kompendium des modernen Seins“ hatte der Hausautor des Frankfurter Schauspiels zu einem transmedialen Varieté in die Box geladen. Das sollte sich als turbulente Sache erweisen. Über einem mit einschlägigen Bildtafeln behängten Anatomielehrsaal samt Skelett rotiert die Discokugel. Stockmann, ein bärtiger Kerl von schmächtiger Gestalt, ist wie die weiteren Hauptakteure mit einem rot-weiß gestreiften Hemd kostümiert. Alle zusammen geben sie ein groteskes Bild ab. Im Rücken der Zuschauer schraubt ein Duo Techno-Musik zusammen. Dosenbier wird verteilt. Die Zuschauer werden aufgefordert, viel zu trinken, „denn es macht betrunken“. Damit ist das Soll der interaktiven Publikumsaktion, von der die Rede ist, beinahe erfüllt.

Der von Stockmann gespielte Redner verkündet das Ende der Erkenntnis zugunsten eines gelebten Konstruktivismus des Körpers. Die Fahne, die Stockmann zu seiner Verkündigung im Ventilatorwind flattern lässt, ist weiß: Tabula rasa, das Ende der utopischen Entwürfe. Drauf mit dem Hämmerchen auf die Geistesgeschichte. Mal sehen, was wir mit den Trümmern anstellen.

In hyperaktiver Dramaturgie wechselt dieses Sammelsurium zwischen Gedankensplittern, Videofundsachen, satirischer Straßenumfrage, Talkshow, Tanzparodie und Musikeinlage. Jede Szene ein Überraschungsei. Gäste aus der Wirklichkeit kommen hinzu: Ein Bestatter wird zu seinem Verhältnis zum toten Körper befragt. Bisweilen brechen die Szenen abrupt ab. Dann wird eine Meldung vom „Institut gegen stringente Kontinuität“ eingeblendet.

Wenn Stockmann, der seine beträchtlichen Textmengen gleich den anderen Schauspielern wie bei einem Instanttheater vom Manuskript abliest, einmal nicht mehr der Liebling der auf Neuheiten versessenen Theater sein sollte, kann er über die Kabarettbühnen ziehen. Der Anspruch eines Varietés auf kurzweilige Unterhaltung ist mit Bravour eingelöst. Es handelte sich um Folge eins. Fortsetzungen sind willkommen.

Quelle: op-online.de

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