Museum Angewandte Kunst

Enge Herzkammer

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Direktor Matthias Wagner K. (rechts) erläutert das Konzept der neuen Dauerausstellung.

Frankfurt - Nichts bleibt, wie es war im Frankfurter MAK Museum Angewandte Kunst. Direktor Matthias Wagner K hat das Haus kräftig umgekrempelt. Jetzt präsentierte er den ersten Teil der neuen Dauerausstellung. Von Carsten Müller 

Von einer „Herzkammer“ des Museums spricht Matthias Wagner K. Und wie in einer Kammer drängen sich die „interessantesten, wertvollsten und bedeutendsten Stücke“ aus der über 62.000 Exponate umfassenden MAK-Sammlung im Obergeschoss des Museums aneinander, teilweise in einem Halbdunkel, das dem Begriff Kammer alle Ehre macht. Aus allen Sammlungsbereichen, Geografien und Zeiten wurden von den Kuratoren Stücke ausgewählt, „Objekte im Urzustand noch vor jeder thematischen Sortierung“.

Matthias Wagner K sieht darin eine ideale Ergänzung zu den Wechselausstellungen, die zeitgenössische Strömungen aufgreifen. Zehn solcher Präsentationen hat es seit der MAK-Wiedereröffnung und Neupositionierung gegeben, die neue Dauerschau sei eine „Konstante und ein Zentrum innerhalb dieser Dynamik“.

Barockes Prachtstück: Die „Coiffeuse“ der Roentgens entstand 1769 im Auftrag des Kurfürsten von Sachsen, Friedrich August III.

Lieblingsstücke seien dort versammelt, die Geschichten erzählen, wie Kurator Klaus Klemp anhand des von Peter Raacke ursprünglich für Tapezierer entworfenen Spritzgusskoffers (1966) erläuterte, der nicht nur die Anwendung eines neuen Materials verkörpere, sondern in den 1960er Jahren zum Symbol des Widerstands gegen das Establishment wurde - als Kontrast zu den Aktenkoffern der bürgerlichen Mehrheit. Andere Stücke wie die japanischen Ukiiyoe-Holzschnitte, Porzellan aus Meißen oder verschiedenen chinesischen Epochen und kostbare Bücher wie die Nürnberger Lutherbibel sollen den Museumsbesuchern zugleich ein „Wiedersehen mit alten Freunden“ ermöglichen - was man nicht vernachlässigen wolle, wie Matthias Wagner K erläuterte.

Das Lager eines Warenhauses

Tatsächlich fühlt man sich beim Gang durch die engen Raumtrenner-Reihen ein wenig an das Lager eines Warenhauses erinnert, freilich mit hochwertigem Angebot. Beginnend bei einem repräsentativen Fassadenschrank aus dem 16. Jahrhundert, der gewachsenes Selbstbewusstsein in Mittelstand und Handwerk verkörpert, geht es kunterbunt durch die Bestände. Da trifft eine Bronzeguss-Vase aus dem China des 18. Jahrhunderts in einer dämmrigen Nische auf den Designer-Sessel von Harry Bertoia (1952/53), den „Wire Chair“ des Eames Office (1951) und ein kalligrafisches Ausstellungsplakat der Buchkünstlerin Kveta Pacovska (1997).

Dieter Rams’ Radio-Phono-Kombination SK 4 (1956) thront vor der Deckelschale (Darmstadt, 1911) des Goldschmieds Ernst Riegel und hart kontrastierenden Sitzgelegenheiten wie dem Vitra-Stuhl von Jasper Morrison (1988) und dem aufwendig geschnitzt und gedrechselten höfischen „Caquetoire“ (Mitte 16, Jh.). Entwürfe für Rasierapparate der Firma Braun teilen sich eine Vitrine mit einem Zedernholzkasten aus Indien (um 1700), Und vor der kost- wie wandelbaren „Coiffeuse“ der Kunsttischler Abraham und David Roentgen (1769) schwingt frei der Mezzadro-Hocker (1954-57) der Castiglioni-Brüder, der einen schnöden Traktorensitz zum Designermöbel adelt.

Von der chronologischen, nach Epochen geordneten Vitrinenarchitektur Richard Meyers hat sich das Haus verabschiedet. Ein radikaler, aber richtiger Schritt sei dies gewesen, meint Wagner K, der das Haus mit seiner außergewöhnlichen Architektur als „Möglichkeitsraum“ etablieren will und Zahlen sprechen lässt: Vor seinem Amtsantritt belegte die Dauerausstellung über neunzig Prozent der Fläche, zehn Prozent blieben für Wechselausstellungen. Heute sei das Verhältnis umgekehrt. „Elementarteile“ soll in zwei weiteren Etappen bis zum Jahresende strahlenförmig bis in die Villa Metzler hinein wachsen. Und die Beleuchtung soll dabei auch verbessert werden.

„Elementarteile. Aus den Sammlungen“ im Museum Angewandte Kunst, Schaumainkai 17. Geöffnet: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 10-18 Uhr, Mittwoch 10-20 Uhr

Quelle: op-online.de

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