Gerd Dudenhöffer im Capitol Offenbach

Engstirnige Weitsicht

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Heinz Becker hat keine Ahnung und davon jede Menge. Gerd Dudenhöffers Kunstfigur polarisiert wie stets. (Bild vergrößern)

Offenbach - Zwar macht sich keine Weltuntergangsstimmung breit, davor bewahren sowohl Gott als auch sein irdisches Bodenpersonal, aber die Bedrohungslage ist immerhin bedenklich, denn die Welt rückt näher. Heinz Becker spürt es, und das Publikum auch. Von Harald H. Richter

Der kleinkarierte Alltagsmensch im großkarierten Hemd und mit Schiebermütze – waschmaschinenfest wie sein Gemüt – blickt ebenso bedeutungsvoll wie grüblerisch ins Rund des Offenbacher Capitol. Über 600 Besuchern vermittelt der kauzige Saarländer Heinz Becker alias Gerd Dudenhöffer mit sparsam gesetzter Mimik und in Stammtischmanier seine Lebensweisheiten, nicht ohne vorher in der Garderobe die viel zitierte politische Korrektheit abgegeben zu haben. Bei ihm kann jeder denken, was er sagt. Und so redet er dahin – über Syrien, Wirtschaftskrise und Kindesmissbrauch. Er greift bischöfliche Verschwendungssucht auf und schaufelt für Elbphilharmonie und andere Großprojekte das gemeinsame Milliardengrab. Das Stadium des Dummschwätzers hat er weitgehend hinter sich.

Mit gewollt eindimensionaler Privatphilosophie blickt Heinz Becker gedankenvoll übern Tellerrand und berichtet von den großen und kleinen Gemeinheiten im Leben. Einmal nicht aufgepasst, macht sich im Garten Unkraut breit. Einmal nicht geguckt, kommen die schwarzen Billigarbeiter. Oder sind’s die billigen Schwarzarbeiter? Seine ganz eigene Deutung von Emanzipation („das Wohnzimmer abstauben ist eine Frauenbewegung“) hat er auch. Die Hilde wird ihm das verzeihen müssen.

Eben noch grobmotorisch um die Auswüchse weiblicher Eitelkeit gekurvt, steht er kurz darauf etwa beim Ursprung des Muttertages und des NS-Mutterkreuzes beidbeinig im Tabuthema. Den Politikern schreibt er hinter die Ohren: „Der soziale Abstand wird immer mehr zur Distanz“. Wer so spricht, kann kein Spießbürger sein. Oder etwa doch? Im Eckstübchen beim Bier kann er mit Gleichgesinnten über die Todesstrafe dozieren. Da sind sie geteilter Meinung: die Hälfte ist dafür, die andere nicht dagegen. Fraglos, dass diese Kunstfigur provoziert und polarisiert. Heinz Beckers Ansichten riskieren den Spagat zwischen pfiffiger Pointe und grobem Witz.

Dafür dass die Welt unaufhörlich näher rückt, hat er eine plausible Erklärung: „Das hängt net nur dran, dass die Grundstücke immer klenner werre un die Leut immer dicker. Irgendwann klingelt‘s, unn machscht uff, steht die Umwelt vor der Tür unn saad: Ich sammle für die Grünen!“ Man muss ihm attestieren, er hat null Ahnung von nichts, aber immer eine feste Meinung dazu.

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Sein zweistündiges Programm führt Gerd Dudenhöffer bis Mai 2014 in weitere 46 Städte, wo er der Zuhörerschaft seine engstirnige Weitsicht über die Welt nahezubringen gedenkt. So aussichtlos, wie der schrullige Nörgler Heinz Becker glauben machen will, ist die Lage der Menschheit nicht. Den nächsten Untergang terminiert er nämlich erst auf den Zeitpunkt, da der Berliner Großflughafen seinen Betrieb aufnimmt. Bis dahin hat man Stuttgart 21 aber schon zum dritten Mal neu tapeziert.

Quelle: op-online.de

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