Entblößt bis auf das Unterhemd

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Dieser Herrscher hat nichts mehr zu erwarten: Wolfgang Michael spielt den Shakespeareschen Tragöden.

Szenenapplaus noch bevor die ersten Worte gefallen sind. Auf der Vorderbühne hat die Trias der Töchter Lears Aufstellung genommen, in einer Reihe, angetan mit schwarzen Reifrockkleidern. Von Stefan Michalzik

Statuengleich, den Blick geradeaus ins Publikum gerichtet. Weit über ihren Köpfen erhoben, in einer roten Kammer, sitzt der König auf seinem Thron, den Hermelin trägt er über einer Militäruniform. Schweigen, eine ganze Weile. Bis Lear schließlich jenen Entschluss verkündet, der das Drama in Gang bringt: Er wolle ob seiner Altersmüdigkeit sein Reich unter den Töchtern aufteilen.Die geometrische Strenge dieses Bildes ist beeindruckend.

Hernach wird sie spielerisch aufgelöst: Ein roter, einer Parodie auf die Brecht-Gardine gleich an Stahlseilen geführter Samtvorhang erlaubt zauberisch überraschende Auftritte und szenische Wandlungen. Es sind immer wieder Vorgaben des auf Jürgen Bäckmann zurückgehenden Raums, unter denen die Figuren in Günter Krämers Inszenierung der Shakespearschen Tragödie um den „König Lear“ am Frankfurter Schauspiel ihre Machtspiele austragen. Lear ist die merkwürdige Geschichte um den Vater, der seine gute, der Liebesschmeichelei abholde Tochter zum Nutzen der beiden bösen enterbt, unter deren Hartherzigkeit flieht und dem Wahn nahe kommend umherirrt.

Ein nüchertener Lear

Kammerspielartig drängen Raum und Regie erst einmal die Figuren zusammen. Es ist aber keine Familiengeschichte, die erzählt wird, sondern eine über das menschliche Wesen und seine Fähigkeit zur Niedertracht als allgemeine Konstante. Traute Hoess und Josefin Platt, die beiden mies gesinnten Töchter, erscheinen wie entindividualisiert in ihrer fratzenhaften Gier. Wie vor einigen Jahren auch schon Sebastian Nübling in Basel hat Günter Krämer von Giorgio Strehlers epochaler Inszenierung die Doppelbesetzung der verstoßenen Tochter Cordelia mit der Rolle des Narren übernommen.

Constanze Becker, alternierend mit Bettina Hoppe, wechselt stetig zwischen der beredten Ruhe Cordelias und dem eher philosophischen denn pointenhaften Witz des Narren.

In der Heideszene mit der ein Wechsel von Erich Frieds modern-geschmeidiger in Christoph Martin Wielands klassizistisch-melodische Übertragung des Textes einhergeht sieht sich der von den Töchtern vertriebene Lear der Natur in Gestalt einer nachtschwarzen, bis zu den Brandmauern aufgerissenen, mit Erdreich ausgestreuten Bühne ausgesetzt.

 Michael Abendroth als Lear scheint schon von Anbeginn einer zu sein, der nichts mehr erwartet. Selten mutete eine tragische Figur nüchterner an als dieser Lear. Die Szene, in der er auf den von seinem Sohn geblendeten Gloucester trifft, den Wolfgang Michael mit einer sprechenden Starrheit der Gesichtszüge spielt, vereint zwei Ausgestoßene im Unterhemd; nur die Militärhosen – Kostüme: Falk Bauer – künden noch von der einstigen gesellschaftlichen Stellung.

Weitere Aufführungen am 8., 16. und 17. Dezember. Karten unter Telefon 069/21249494

Dieser Lear ist ein Triumph des Stadttheaters. Einmal fällt eine der Samtkulissen und gibt den Blick auf eine funktional zusammengezimmerte Treppenkonstruktion frei: Günter Krämer hat die Handlung ins Theater verlegt. Damit bringt er gleichsam eine Metaebene ins Spiel. Einen Effekt der Verfremdung, der indes nichts daran ändert, dass dieser Abend neben den Inszenierungen all der produktiven Plünderer, den Percevals und Petras', beinahe schon theaterhistorisch anmutet. Ästhetisch konservativ ist das fraglos, doch es stellt sich viel zu vital dar, um schlechterdings als gestrig abgetan zu werden. So geradlinig kann man das heute auch noch machen: Das ist die ästhetische Lehre dieses Theaterabends.

Quelle: op-online.de

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