Entführung in die Unterwelt

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Bestens beschirmt ist Alice (Valery Tscheplanowa).

Was für eine Frau! Valery Tscheplanowa erzählt an den Frankfurter Kammerspielen „Alice im Wunderland“, die 1865 vom Engländer Lewis Carroll verfasste Geschichte des Mädchens, das in einen Brunnenschacht gefallen ist. Von Stefan Michalzik

Dann taucht sie ab in eine Welt der Träume, in der alles anders ist, in der sie die Gesetze der Erwachsenenwelt erfährt, sich an ihnen reibt, zur Persönlichkeit reift und zu einer eigenen Position findet, selbst erwachsen wird. Per Filmeinblendung sieht der Zuschauer, wie sie durch die Stadt auf das Theater zugeht, abtaucht in die Gegenwelt der Bühne. Es ist eine attraktive, erwachsene Frau im Trenchcoat, die ihm entgegentritt, kein kleines Mädchen. Allein, mit Mikrofonständer, angelehnt an die Manier eines Stand-Up-Comedians kündet sie von den Absonderlichkeiten der Carrollschen Unterwelt und steigt in alle Rollen ein. Im erschütternden Brüllen, in das sie immer wieder ausbricht, gipfelt eine Rebellion, die sich nicht auf die Adoleszenz beschränkt, sondern die des Individuums schlechthin ist.

Das Publikum hat es auch mit einem Liederabend zu tun. Tscheplanowa lässt ihre Schulung am höllenschlundgleich in die Tiefen des Unterbewussten vordringenden Gesang von Diamanda Galas erkennen, Hohepriesterin des Dark Wave, jener Musikrichtung, auf die sich Kornelius Heidebrechts Musik bezieht, die Zitate von Grateful Dead bis Joy Division enthält.

Regisseur Philipp Preuss hat sich einer vorhandenen Kulisse, der von „Romeo und Julia“, bedient. Es gibt nicht viel mehr als einen Gazevorhang und ein paar Lautsprecherboxen. Dieses Theater verwandelt sich die Formen mannigfach an. Teils weist es Wesenszüge des Hörspiels auf. Vom linken Pol des Boxenpaars aus steuert Heidebrecht, kostümiert als Alter ego von Alice, mit seiner Stimme, dem zum Perkussionsinstrument umfunktionierten Mikrofon und den technischen Transformatoren Sampler und Laptop die Welt der Geräusche bei, teils im Surround-Verfahren.

Weitere Aufführungen am 20., 24., 26., 27. Juni, 3. Juli

Viel Anmut und Poesie ist in den Bildern. Tscheplanowa stülpt sich das Bühnenbildmodell über den Kopf und spielt einen Dialog mit den Händen. Viele Einfälle sind berückend einfach: Eine umgedrehte Wasserflasche auf der Spitze eines aufgespannten Schirms stiftet Regen. Die grandiose Tscheplanowa, 30 Jahre alt und von Intendant Oliver Reese aus dem Deutschen Theater in Berlin mitgebracht, ist eine Spielerin von jener eisernen Disziplin, die wahre Freiheit erst möglich macht.

Carrolls Stoff hat lange als kassenfüllendes Weihnachtsmärchen herhalten müssen, oft mit hohem Ausstattungsaufwand. Dieser Abend verzichtet auf vordergründigen Zauber und bietet den Sinnen ungemein viel. Er entführt in eine andere Welt. Theater in den besten Momenten kann das!

Quelle: op-online.de

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