„Esprit Montmartre“ in der Kunsthalle Schirn

Entzauberte Bohème

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Ödnis, Armut und Unsicherheit prägten das Pariser Viertel, in dem Glanz und Elend nah beieinander lagen, wie das Gemälde „Palisade, les affiches“ (1900) von Pierre Bonnard zeigt.

Frankfurt - Glanz und Elend, Varietés und Abraumhalden: Der Pariser Montmartre war ein Ort der krassen Gegensätze. Die Kunsthalle Schirn will das legendäre Künstlerviertel jenseits aller Klischees zeigen. Von Carsten Müller 

Louis Anquetins Porträt einer Halbweltdame, die mit Schleier und weißer Schminke ihre Syphilis-Geschwüre kaschierte („Femme à la voilette“, 1891) steht stellvertretend für den Blick, den die von Ulrike Pfeiffer kuratierte Ausstellung auf den berühmten Pariser Stadtteil richten will. Er zielt auf das Milieu hinter den Fassaden des Vergnügungsviertels mit dem Moulin Rouge als Aushängeschild, soll Lebens- und Arbeitsbedingungen zeigen, die den Nährboden für eine „Eruption der Künste“ bildete, wie Schirn-Direktor Max Hollein sagt.

Auf der „Butte“, wie die Pariser ihren Hausberg nannten, siedelten sich all jene an, die von der Modernisierung des Stadtzentrums vertrieben worden waren. Arme, Diebe, Arbeiter, Straßenhändler und Prostituierte hausten in fast dörflicher Umgebung. Ein Füllhorn an Themen für eine internationale Künstlerschar, die den Montmartre in ein riesiges Atelier verwandelte.

„Le Bohème, poète de Montmartre (Portrait d’Erik Satie“ (1891) von Roman Casas - Foto: Northwestern University Library

Nachzuvollziehen ist dies in sechs Ausstellungskapiteln anhand von 220 Werken einer Künstlergeneration, die nach dem Impressionismus kam. Vincent van Goghs Gemälde der Obstgärten hinter der Moulin de la Galette steht für den Beginn dieser opulenten Reise durch eine wilde Epoche, die kurz vor dem Ersten Weltkrieg endet, als zu Geld und Geltung gekommene Künstler wie Pablo Picasso das Viertel verließen.

Historische Fotografien zeigen eine bisweilen an einen Slum gemahnende Ansiedlung, in der sich starre Gesellschaftsgrenzen auflösten. Alkoholismus, Prostitution, Drogensucht und Kriminalität gediehen in Cafés und Bars, vielfach festgehalten in Gouachen und Federzeichnungen von Jean-Louis Forain, Émile Bernard und - natürlich - Henri de Toulouse-Lautrec, der das Marketing der am Fuß des Hügels ansässigen Vergnügungsindustrie perfektionierte.
Seinen und anderen Druckgrafiken ist eine eigene Abteilung gewidmet, ebenso den künstlerischen Netzwerken, anhand von Porträts und Selbstporträts dokumentiert, die prominente Profile beispielsweise von Intellektuellen wie Erik Satie und Guillaume Apollinaire zeigen, aber auch herausragende Porträtisten und Künstlerpersönlichkeiten wie Marie Laurencin und Suzanne Valandon.

Eigenes Kapitel für den Zirkus

Ein eigenes Kapitel ist dem Zirkus gewidmet, dessen Akteure nicht nur Picasso und Toulouse-Lautrec faszinierten, von denen einige Blätter zu sehen sind, sondern Maler wie Georges Rouault und Alexis Merodack-Jeanneau zu avantgardistischen Arbeiten animierten.

Das Leben in Tanzlokalen und Cabarets fand in großformatigen Ölgemälden von Giovanni Boldini oder Henri Evenepoel farbkräftigen Ausdruck. Bemerkenswert sind auch schwarzweiß gezeichnete Interieurs von Edgar Degas und farblich gedämpfte Gasthaus-Szenen von Ramon Casas.

Jean-Francois Raffaeli rückte die Protagonisten der Halbwelt ins realistische Bild, während Auguste Chabaud die Fassaden in unwirkliches Licht tauchte, ebenso faszinierend wie die ungeschliffenen, atmosphärisch aufgeladenen Nachtstücke Kees van Dongens.

Yoko Ono in der Schirn

Yoko Ono in der Schirn

In den Schatten dieser Lichterwelt suchte und fand Théophile-Alexandre Steinlen seine Motive, Bettler, Wäscherinnen, einfache Leute, denen er mit dokumentarischem Blick näherrückte. Die Kunstproduktion lief auf derart hohen Touren, dass auf der Place Pigalle ein Markt für Malermodelle entstand. Zahlreiche Akte, fein gezeichnet oder in Öl gemalt von Picasso, van Gogh oder Pierre Bonnard haben die namenlosen Bewohner eines Viertels harter Kontraste verewigt.

 „Esprit Montmartre - Die Bohème in Paris um 1900“ bis 1. Juni in der Schirn, Römerberg, Frankfurt. Öffnungszeiten: Dienstag, Freitag bis Sonntag von 10–19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10–22 Uhr

Quelle: op-online.de

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