Applaus ernten die Pfarrer

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Händeringender Ehrengast Johannes Baron unterm aufwärts strebenden Wappenvogel Eppertshausens.

Eppertshausen ‐ Statt seine Ausführungen über die dringend zu ziehende Schuldenbremse mit ein wenig Beifall zu honorieren, wollte das Volk von Regierungspräsident Johannes Baron gar Antworten auf Fragen, die der sich so wohl selbst noch nicht gestellt hatte. Von Jasmin Frank

Da nutzte auch der Hinweis wenig, er habe nicht mit einer Diskussion gerechnet. Zu spät, denn die war schnell entbrannt. Alljährlich lädt der Bürgermeister zum Neujahrsempfang der Gemeinde mit Politgrößen ein und so strömten auch am Sonntag etwa 100 Einwohner ins Rathaus. Bei einem Glas Sekt, gereicht von der Seniorenhilfe, warteten so zunächst die Gäste auf die Einlassungen von Carsten Helfmann und Baron.

Der Rathauschef dankte zunächst den beiden kleinen Musikern Niklas Kutschera und Julius Euler, die das Programm mit ihren Beiträgen ebenso bereicherten, wie die Eppertshäuser Künstler Katja und Benedikt Berker, die vom Band zu hören waren. Auch die vielen ehrenamtlich engagierten Bürger wurden nicht vergessen, ebenso ging ein Dank an die Gewerbetreibenden, die dem Rathaus mit ihrer Gewerbesteuer Einnahmen in Höhe von 1,73 Millionen Euro bescherten.

Regierungspräsident spricht über Grundsätzliches

Bei einem Rückblick auf das vergangene Jahr blieb weder die Gewerbemeile noch das neue Gewerbeportal unerwähnt, zudem ging Helfmann auf Themen wie die Bürgerhalle, den Park 45 und die Kinderbetreuung ein.

Im Anschluss referierte der Regierungspräsident, von dem die Zuhörer an sich eine Rede mit dem Schwerpunkt der aktuell viel debattierten Schuldenbremse erwartet hatten. Hier hatten im Vorfeld viele der Gäste auf Informationen gehofft, die ihnen bei der Volksabstimmung am 27. März die Entscheidung leichter gemacht hätten. Doch Baron hielt sich eher an Grundsätzliches: Humorvoll erläuterte er die Entstehung des föderalen Systems Deutschlands und zeigte anschaulich auf, welche Funktionen sein Amt in sich birgt.

Die Gäste haben anderes von Baron erwartet

„Wenn Sie Fahrstunden nehmen, dann können Sie sicher sein, dass Sie einen ordnungsgemäßen Unterricht erhalten, denn wir prüfen die Fahrschullehrer und kontrollieren sie regelmäßig, ebenso auch wie zahlreiche andere Einrichtungen“, erklärte der Diplom-Politologe. Auch wenn seine Ausführungen ansprechend gestaltet und inhaltlich informativ waren: Die Eppertshäuser hatten an diesem Vormittag anderes erwartet und wollten zu vorgerückter Stunde konkrete Themen erörtert wissen.

Kurz ging Baron auf den neuen Regionalplan ein, der festlegt, was im Rahmen der demografischen Entwicklung in Südhessen an Straßen, Siedlungen und Gewerbegebieten noch gebaut werden soll, ebenso erörterte er den Bereich Umweltpolitik, bei dem er sich als RP von der Bevölkerung in die Rolle desjenigen gedrängt sieht, der es keinem recht machen kann. „Sei es ein Kohlekraftwerk oder seien es regenerative Energieerzeuger wie Windräder – alle wollen deren Vorteile nutzen, aber niemand will sie vor Ort platziert wissen“, monierte er.

Erinnerungen an ein „gallisches Dorf“

Doch dann, ganz am Ende des Vortrags, kam er endlich zum gewünschten Thema, wenn er es auch nur kurz anriss: Die Schuldenbremse, die in der Verfassung festschreiben soll, dass die Politik keine neue Miesen zu machen habe. „Derzeit belaufen sich die Verbindlichkeiten in Deutschland auf 1,8 Billionen Euro, eine unvorstellbar hohe Summe. Dafür werden 90 Millionen Euro an Zinsen pro Jahr gezahlt. Das muss aufhören“, meinte Baron und wies darauf hin, dass sich dadurch auch einiges für die Bürger ändern wird: Verwaltungsabbau, Servicerückbau und Umweltstandards nicht weiter erhöhen waren seine Schlagworte.

Doch damit war es den Anwesenden nicht genug, denn sie hatten jede Menge Fragen an den Gast aus Darmstadt, der von der Diskussion überrascht war. „Ja, Eppertshausen erinnert ein wenig an ein bekanntes gallisches Dorf“, nahm Bürgermeister Helfmann seine Einwohner schmunzelnd in Schutz, die schnell direkt wurden. „Es gibt ja schon solche Maßregelungen, die bisher nicht umgesetzt wurden. Wie soll denn die Schuldenbremse durchgesetzt werden?“, wollte PfarrerJohannes Opfermann wissen. „Ich gehe davon aus, dass Politiker diese Initiative ernst nehmen und auch so transportieren. Dazu gehört auch, im Wahlkampf keine Geschenke zu versprechen“, meinte dazu Baron.

Ein Ende der Misswirtschaft - warum erst 2020?

„Ich halte eine Verfassungsänderung für einen schwerwiegenden Schritt. Wäre nicht eine überparteiliche Einigung sinnvoller gewesen? Oder vertrauen sich die Parteien gegenseitig nicht? Und wenn das so ist, warum sollten wir Bürger es dann noch tun?“, sprach ein Zuhörer vielen Bürgern aus dem Herzen. „Das Staatswesen sollte nicht über die Vereinbarung von Parteien geregelt werden, sondern über die Verfassung. Das stärkt den Beschluss“, meinte Baron dazu und fügte auf eine Anmerkung, dass wohl wieder nur bei denen gespart würde, die ohnehin nichts hätten, hinzu, dass bei allen Gruppen die Standards reduziert werden sollten.

Für seinen Hinweis, dass 2020 die Neuverschuldung bei Null liegen soll, erntete der Regierungspräsident gar Hohn, denn die Statements aus dem Publikum hatten vor allen Dingen einen Tenor: Wie konnte so lange eine solche Misswirtschaft betrieben werden und warum soll erst in zehn Jahren damit Schluss sein?

„Wutbürger“ gibt es auch in Eppertshausen

Letztlich führte Baron dafür Argumente an, die von Politikern in der letzten Zeit häufiger zu hören waren: „Es war nicht nur Dummheit, die uns dahin geführt hat. Es waren zum einen die hohen Kosten durch die Wiedervereinigung, zum anderen aber auch die Bürger, die eben bestimmte Standards einforderten, die jetzt nunmal nicht mehr gewährleistet werden könnten“, so Baron.

Zu guter Letzt legte Pfarrer Harald Christian Röper noch den Finger auf einen wunden Punkt in der Gesellschaft: Auch wenn wieder mehr Menschen Arbeit hätten, solle doch einmal hingeschaut werden, zu welchen Bedingungen diese Arbeitsplätze gestaltet würden. Die Menschen könnten davon nicht leben und auch nichts für ihr Alter zurücklegen, der Staat müsse Erwerbstätige unterstützen und subventioniere noch die Unternehmen.

Dieser und weitere Redebeiträge erhielten viel Applaus und es wurde deutlich: Auch im kleinen „gallischen Dorf“ Eppertshausen, wo die soziale und wirtschaftliche Lage noch weitestgehend entspannt ist, ist eine latente politische Unzufriedenheit zu spüren und viele der Anwesenden vermittelten das Gefühl, ein kleines Quäntchen „Wutbürger“ in sich zu tragen.

Quelle: op-online.de

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