Arztsuche kennt keine Ortsgrenzen

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Den Sozialminister im Visier für die Gesundheit: Das ZDF interviewte ihn am Mittwochnachmittag vor Eppertshausens neuer Bürgerhalle zur Organspende, im kleinen Saal stand er Rede und Antwort zur Versorgung mit Ärzten im ländlichen Raum.

Eppertshausen - Zur ärztlichen Versorgung in Eppertshausen und im ländlichen Raum referierte der Hessische Sozialminister Stefan Grüttner, der am Mittwochnachmittag auf der „Frühjahrstour des hessischen Kabinetts“ in der neuen Bürgerhalle vorbeischaute. Von Thomas Meier

Zwar dankte er der CDU Eppertshausen für die Einladung, betonte, es sei gut und richtig, ihn zu diesem wichtigen Thema hören zu wollen, beschied dann jedoch die knapp 50 Zuhörer im kleinen Saal, dass Eppertshausen im Vergleich zu anderen bundesdeutschen und auch hessischen Landstriche auf hohem Niveau jammere.

Seit Oktober vergangenen Jahres können gesetzlich Versicherte in Eppertshausen nur noch zwischen zwei niedergelassenen Hausärzten wählen, weil der vormals dritte im Bunde nur noch Patienten annimmt, die privat versichert sind (wir berichteten mehrfach). Bürgermeister Carsten Helfmann sieht akuten Handlungsbedarf, um in der 6000-Einwohner-Gemeinde eine ausreichende Ärzteversorgung auf lange Sicht zu gewährleisten. Denn die beiden verbliebenen Kassenärzte sind mit 61 und 66 Jahren in fortgeschrittenem Alter. Auch deshalb wurde der Kontakt zu Grüttner gesucht und gefunden.

Bevor er sich bei seiner einstündigen Visite dem Patienten Eppertshausen widmen konnte, sollte er eine Viertelstunde vom ZDF für eine 15-sekündige Stellungnahme zur Organspende vereinnahmt werden, die gestern im Morgenmagazin gesendet wurde. Doch dann sprach Grüttner nach der Begrüßung 25 Minuten Klartext zum brisanten Thema. Als Vorsitzender der Gesundheitsministerkonferenz hatte er im vergangenen Jahr entscheidend mit am Gesetz gegen Ärztemangel mitgewirkt. Aus gutem Grund, denn auch in Hessen wird sich die Zahl der über 80-Jährigen bis 2050 verdreifacht haben, wird es eine Steigerung der über 60-Jährigen von 40 Prozent geben. Und es fehlt schon heute an Ärzten, die Zahl derer über 60 ist eklatant gestiegen, mehr als die Hälfte aller Ärzte unter 35 seien Frauen, sagte Grüttner.

Lob für Eppertshausen

Problem erkannt, auf Dauer noch nicht gebannt. Aber: „Der Versorgungsgrad an Allgemeinmedizinern liegt auch in ihrem Landkreis bei über 100 Prozent“, informierte das Offenbacher Urgestein. Drei Ärzte in einer 6000-Seelen-Gemeinde sei gut, andere, wesentlich größere Gemeinden beispielweise in Mecklenburg-Vorpommern oder auch in Nordhessen seien weitaus schlechter gestellt. Man müsse über die Orts- und Kreisgrenzen hinweg schauen. In Bad Homburg beispielsweise gebe es eine ungemeine Ärztedichte, im zehn Kilometer entfernt liegenden Grävenwiesbach nichts. Aber was seien schon zehn Kilometer?

Grüttner sprach dem von ihm mit ausgehandelten Pakt zur Sicherstellung der gesundheitlichen Versorgung in Hessen das Wort, einer Vereinbarung, die das Land mit Ärzten, Kassen und kommunalen Spitzenverbänden getroffen hat. Mit 600.000 Euro jährlich soll die Ansiedlung von Medizinern in Orten gefördert werden, die weit und breit keinen Hausarzt mehr haben. Der Förderbetrag geht bis zu 50.000 Euro, komme also ein Ort pro Monat im Jahr an die Reihe. „Wir haben viele Anmeldungen, bis Eppertshausen also dran ist, müssten sie sich einen Moment gedulden“, scherzte der Sozialminister. Er lobte indes Eppertshausens Problembewusstsein und die gemeinsamen Anstrengungen, neue Ärzte anzuwerben. Anders als in Eppertshausen gebe es viele Gegenden, in denen keine Erfolg versprechenden Verhandlungen mit Ärzten zustande kämen.

Sozialminister stellt sich den Fragen aus dem Publikum

Das Land könne die Kommunen nicht zum finanziellen Engagement zwingen, aber machbar wäre auf kommunaler Ebene schon einiges. Beispielsweise könnten die Gemeinden demjenigen, der sich als Hausarzt niederlassen wolle, verbilligte Bauplätze zur Verfügung stellen. Oder Räumlichkeiten für eine Praxis. „Was wir mit den kommunalen Spitzenverbänden festgelegt haben, sind Pendel- und Begleitdienste für Patienten“, sagte Grüttner. Mit ihnen sollen die weniger mobilen Patienten, die im ländlichen Raum Probleme haben, Zugang zur medizinischen Versorgung erhalten.

Der Sozialminister stellte sich auch Fragen aus dem Publikum. Einem Mann gab er Recht, der anmahnte, es müsse wohl mehr getan werden, um junge Ärzte beispielsweise auch vor dem Auswandern abzuhalten. Viele Mediziner zögen nach dem Studium gen England oder Norwegen, weil dort einfach Verdienst und Bedingungen besser seien. Und auch Pfarrer Harald Christian Röpers Einwand kannte der Sozialminister und Gegner der Praxisgebühr: Heutzutage nutzten viele Menschen den Notdienst, um die Warterei beim Hausarzt zu umgehen.

Nach einem Eintrag ins Goldene Buch Eppertshausens enteilte der Minister.

Quelle: op-online.de

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