Bodenhaftung trotz Sprungfedern

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Tobias Seitel hat schon viele Pokale errungen, sein erster ist ihm aber noch immer der liebste. Auch zu Hause trainiert er manchmal.

Eppertshausen ‐ Jeden Tag drei Stunden in der Sporthalle und trainieren – macht das überhaupt Spaß? „Mir schon. Für mich ist das meine Freizeit, ich brauche kein Sofa zum Entspannen, denn ich relaxe bei meinem Sport. Von Jasmin Frank

Ich freue mich noch immer jeden Tag darauf, in die Turnhalle zu gehen und zu üben“, begeistert sich Thomas Seitel. Der Eppertshäuser, der mit fünf Jahren beim hiesigen Turn- und Athletik-Verein mit dem Mutter-Kind-Turnen begann, stellt sein Können jetzt, zwanzig Jahre später, in der Bundesliga für die Kunstturngemeinschaft Heidelberg unter Beweis.

Bis dorthin zu kommen war nicht immer einfach, zumal sich der junge Sportler in seinen Anfangsjahren zwischen zwei Sportarten entscheiden musste. „Ich habe auch mit großer Begeisterung Handball gespielt. Doch irgendwann wurden es einfach zu viele Termine, an manchen Wochenenden bin ich direkt von einem Spiel zu einem Wettkampf gefahren“, erinnert er sich. Auch nahmen die Verletzungen beim eher rauen Handball zu, eines Tages wurde ihm die Lippe durchgeschlagen. „Da hat mir mein turnerischer Ziehvater und Trainer, Wolfgang Dreyer, gesagt, dass ich nicht mehr beides machen kann. Wenn ich Leistungsturnern sein will, kann ich nicht immer wieder gehandicapt vom Handball kommen“, beschreibt Seitel die damalige Situation.

Übertriebener Ordnungssinn

Schnell stand der Entschluss fest: Turnen hatte Vorrang. Wenig später wechselte Seitel für kurze Zeit nach Heusenstamm und trainierte dann am Olympiastützpunkt in Frankfurt, was auch für seine Eltern eine Herausforderung war. „Wir mussten ihn ja fast täglich nach Frankfurt fahren. Eine Zeit lang stand auch zur Debatte, dass Thomas dort das Sportinternat besuchen könnte, aber uns und ihm war der normale Weg zum Abitur lieber. Wir fanden, dies sei die bessere schulische Qualifikation“, so Vater Günter Seitel.

Ausschlaggebend war auch, dass man als Turner kaum finanziell von seinen Fähigkeiten profitieren, geschweige denn leben kann. Auch wenn Seitel über 50 Hessenmeistertitel an den verschiedenen Geräten, in der Einzel- und der Mannschaftswertung einholen konnte, war ihm doch der Weg zu einer Profikarriere verwehrt. „Es kommen nur ganz wenige in den Bundeskader oder in die Sportfördergruppe der Bundeswehr. Dort wäre ich eigentlich gerne untergekommen, auch, weil es mir beim Bund selbst während meines Wehrdienstes gut gefallen hat. Ich glaube, das liegt daran, dass ich so einen übertriebenen Ordnungssinn habe“, lacht er verschmitzt.

Traumberuf: Sportjournalist

Auch wenn ihm eine Karriere bei der Bundeswehr offen gestanden hätte, ging er doch einen anderen Weg. Grund: Er hätte nicht mehr täglich turnen können. „Dieser Sport ist einfach mein Lebensinhalt, er füllt mich ganz aus und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ohne ihn ist“, meint Seitel ganz authentisch. Deshalb hat er sich für ein sportwissenschaftliches Studium mit Schwerpunkt Publizistik entschieden, denn sein großer Traum ist es, Sportjournalist für das Fernsehen zu werden.

Abwegig ist das nicht, denn neben Studium und täglichem Training jobbt er noch in der Redaktion von RTL Explosiv und stand auch schon das ein oder andere Mal vor der Kamera. Auch beim WDR hat er schon ausgeholfen, unter anderem als Double von Ralph Caspers in der Sendung „Wissen macht ah!“. „Das hat mir viel Spaß gemacht, ich habe mich verkleidet und sah dann echt aus wie er. Dann musste ich einige Flic-Flacs machen, aber das war für mich ja nicht weiter schwierig“, so Seitel. Auftrittserfahrung hat er auch schon von einem Weltrekordsversuch im Unterhosenanziehen und seiner Teilnahme bei der Show „Celtic Rock“, mit der er ein halbes Jahr lang getourt ist. Dort hatte er auch die Sprungfedern an, die Samuel Koch bei „Wetten Dass!“ zum Verhängnis wurden. „Das hätte ebenso ich selbst sein können. Ich turne ja auch, liebe die Sprungfedern und möchte ins Fernsehen. Ich denke, dass die Wette mit kleinen Autos gut hätte gelingen können, aber meiner Erfahrung nach waren die Wagen einfach zu groß“, urteilt Seitel.

Er persönlich hat bei allem Ehrgeiz genug Bodenhaftung. Nicht nur seine Eltern geben ihm Halt, auch seine Freundin Katrin, mit der er seit der Schulzeit zusammen ist. Dass er so viel Zeit für seinen Sport braucht, kann sie gut verstehen, hat sie doch selbst in der Basketball-Jugendnationalmannschaft gespielt. So findet Thomas Seitel ein gesundes Maß für seinen Sport, und sein Mannschaftstitel bei der Deutschen Meisterschaft, den er mit dem MTV Urberach errungen hatte, wird sicher nicht der letzte große Erfolg gewesen sein.

Quelle: op-online.de

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