Boxprojekt für Jugendliche

Sich gewaltfrei durchs Leben boxen

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Abwechslungsreich gestalten die Trainer den Ablauf der Boxstunden in Eppertshausens Mehrzweckhalle, wobei dem Vermitteln der Schlagtechniken nicht die größte Bedeutung beigemessen wird. Es geht vor allem um die sozialen Kompetenzen, die mit dem Sport verinnerlicht werden sollen.

Eppertshausen/Münster - Sie lernen das Boxen, um sich gewaltfrei durchs Leben zu schlagen. Was widersinnig klingt, ist äußerst effektiv. Von Thomas Meier 

Rund 40 Jugendliche zwischen 16 und 22 Jahren, darunter acht Mädchen, treffen sich einmal die Woche dienstags, um von 18 bis 20 Uhr in der Mehrzweckhalle Eppertshausen neben dem Boxsport wichtige Schlüsselqualifikationen vermittelt zu bekommen: gegenseitige Wertschätzung und Respekt, Toleranz anderen gegenüber, Verbindlichkeit und Pünktlichkeit. Es sind nicht unbedingt die einfachsten Gemüter, die sich im Ableger-Projekt des Boxclubs Nordend Offenbach einfinden, sicher aber suchende Jugendliche, die mit dem kostenfreien Angebot Sport treiben und aus ihrem Leben mehr machen wollen.

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Interkommunales Boxen initiiert

Im November vergangenen Jahres startete das interkommunale Projekt, das angestoßen wurde vom damals neu eingestellten Jugendpfleger André Bach (der Ende April nach seiner Probezeit geht). Der Streetworker aus Mörfelden-Walldorf hatte Kontakte zum Boxclub Nordend und holte die Idee nach Eppertshausen und Münster. Startete man in der Mehrzweckhalle mit gut einem Dutzend Jugendlicher, „sind wir heute froh und überrascht, wie groß doch der Zuspruch schnell wurde“, sagt Stephanie Groh, die als eine Honorarkraft der Jugendpflege das Projekt – vor allem die Mädchen – mitbetreut.

Das Training steht unter der Leitung des 22-jährigen Alexander Ulmer, der dem Boxstall Offenbach Nordend seit sieben Jahren angehört und der dessen Philosophie verinnerlicht hat, und Ismael Özdemir (43), ebenfalls Honorar-Mitarbeiter interkommunaler Jugendpflege. Ulmer ist Rodgauer und fand früh zu Wolfgang Maliks Truppe in Offenbach. Er kennt die Probleme, mit der viele Jugendliche zu kämpfen haben, will schwere Jungs und Mädchen übers Boxen lehren, gewaltfrei und mit sich selbst zufrieden zu leben. Das Weltergewicht steigt für den Offenbacher Club nicht nur in den Trainerring, er holte auch schon mal einen Vize-Landesmeistertitel fürs Projekt. Worüber er nicht sprechen möchte, weil „da gibt es Wichtigeres“.

Bedeutender ist dem Studenten der Bio-Verfahrenstechnik an der FH Frankfurt die Idee hinterm etwas anderen Boxsport. Zwar werden auch hier bei hartem Training überflüssige Pfunde abgespeckt, Selbstverteidigung gelernt und, wie es Lerntherapeutin Stephanie Gro ausdrückt: „Bauch, Beine und Po gestrafft“. Dies alles ganz im Sinne des Projekt-Erfinders und Sozialarbeiters Wolfgang Malik. Hart aber fair, lautet dessen Devise, und deshalb ist für Ulmer die Vermittlung sozialer Kompetenzen wichtiger als die Technik linker und rechter Haken. „Wer sich bei uns herumprügeln will, ist fehl am Platze“, sagen die Trainer. Özdemir ergänzt: „Wer das sucht, ist meist auch schnell wieder weg.“ Die Fäuste sprechen lassen, ja; aber kontrolliert, mit Sinn und Verstand. Und dies zu lernen, bedarf es zunächst der Selbstbeherrschung, der Toleranz, selbstgesteckter Ziele und mehr.

Vor dem Boxen steht das Aufwärmen. Zu lernen, wie ein Aufwärtshaken richtig funktioniert, ist zwar auch wichtig, aber sekundär beim Jugendprojekt.

Kommt man pünktlich zu Boxbeginn in die Halle, ist greifbar, wovon die Trainer sprechen. Klar gibt es hier Begrüßungsrituale mit „Gimme five“ und High Five, mit coolen Sprüchen und allem jugendlichen Brimborium. Aber freundlich-respektvoll. Fast jeder Sportler begrüßt die Trainer persönlich, sucht die Nähe zur Respektsperson. „Und wenn mal jemand nicht zur Training kommen kann, so ist er gehalten, sich kurz unter einer der bekannten Telefonnummern oder über einen Mitsportler abzumelden“, sagt Groh.

Die Jugendhelfer sind nicht nur beim Boxtraining hilfreich. „Viele, die hier jetzt boxen, sind auch sonst bei unseren Angeboten, wie beispielsweise Hausaufgabenhilfe oder auf Freizeiten dabei“, sagt Stephanie Groh. Auch stehen sie als Ansprechpartner bei Nöten der Jugendlichen zur Verfügung, helfen bei Ämterwegen, Problemen mit Arbeitgebern oder in der Schule. Ihr wichtigstes Ziel bleibt dabei stets, den Einzelnen fit zu machen fürs Leben. Weil: Durchboxen muss sich schließlich jeder selbst.

Beim Training ist jeder willkommen, der sich integrieren möchte. Sportliche Voraussetzungen gibt es nicht, und damit es nicht am Geld scheitert, wird auf Beiträge verzichtet. „Wir sind sehr froh über die Unterstützung der Gemeinden, insbesondere von Bürgermeister Carsten Helfmann, der uns die Halle gibt“, betont Lerntherapeutin Groh. Bis 30. Juni ist das Projekt, das als „pädagogische Maßnahme“ geführt wird, zunächst in trockenen Trainingstüchern, dann wird neu entschieden. Der Zulauf zum Projekt stimmt die Macher optimistisch. Den teilweise als gewaltbereit geltenden Jugendlichen, die in Offenbach oder Eppertshausen trainiert werden, sollten weiter die Box-Bandagen zur erfolgreichen Gewaltprävention angelegt werden. Für alle Beteiligten sicherlich humanere, Erfolg versprechendere Fesseln als andere.

Quelle: op-online.de

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