Dieburger Schöffengericht

„Es war dunkel“, weint die Zeugin

Dieburg/Eppertshausen - Fahrkarte in den Horrortrip: Einem 35- jährigen Busfahrer aus Eppertshausen wirft das Dieburger Schöffengericht sexuelle Belästigung vor. Er soll weibliche Fahrgäste in seinen Bus eingesperrt und zum Oralverkehr gezwungen haben. Von Silke Gelhausen-Schüssler

Sympathisch sieht er aus. Man könnte auch sagen, der Angeklagte ist ein Frauenschwarm. Zumindest hat der 35-jährige Eppertshäuser Schlag bei jungen Mädchen. Die transportierte der Mann als Busfahrer der Linie 671 jahrelang zur Schule, zu Freunden, zu Partys und wieder nach Hause. Auf der Strecke von Groß-Umstadt nach Wiebelsbach war er bei Jugendlichen als netter Chauf-feur bekannt, man duzte sich, wechselte ein paar Worte.

Irgendwann reichte ihm der lockere Kontakt wohl nicht mehr aus. Weil er mindestens vier Mädchen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren in seinem Bus eingesperrt und sexuell belästigt haben soll, muss der 35-Jährige sich seit gestern vor dem Jugendschöffengericht verantworten.

Sein erstes Opfer soll die heute 19-jährige C. gewesen sein. Emotional sichtlich aufgewühlt, schildert sie in ihrer Zeugenaussage eine nächtliche Heimfahrt im Dezember 2010 nach Wiebelsbach. Als in Heubach der letzte Fahrgast ausstieg, habe der Busfahrer sie nach vorne gebeten und gefragt, ob sie noch etwas mit ihm trinken wolle. Obwohl sie ihm keine klare Ansage gegeben habe, lenkte der Angeklagte an der Kreuzung der B45 den Bus wieder in Richtung Groß-Umstadt zurück, anstatt in Richtung Süden.

Das Gericht bohrt

„Im Bus-Depot hat er alles ausgeschaltet, der Bus war zu, ich konnte nicht raus.“ Dann habe er zunächst versucht, sie zu küssen und ihr das T-Shirt herunter zu ziehen, sie habe sich erfolglos versucht zu wehren. Schließlich öffnete er seine Hose und zwang sie zum ungeschützten Oralverkehr. Anschließend habe er sie mit seinem Pkw nach Hause gefahren.

Für die Verteidigung ist C.´s Aussage nicht schlüssig, sie bohrt weiter bei dem verunsicherten Mädchen nach. Warum habe sie sich nicht heftiger gewehrt? Warum keinen Notruf abgesetzt? Sei sie wirklich unfreiwillig mitgefahren? Das bringt C. noch mehr aus der Fassung. „Es war dunkel, ich wusste nicht, wo ich war, ich habe nicht mehr nachdenken können“, weint sie.

Über ein Jahr scheint auf den Touren des Eppertshäuser Busfahrers wieder alles normal. Bis es im April 2012 bei drei weiteren Mädchen ähnliche Vorfälle gegeben haben soll. Auch die Freundinnen So. und St.– ihre Zeugenaussagen sind fast deckungsgleich – waren nachts die letzten Fahrgäste, als der Angeklagte an der Hauptstraße in Wiebelsbach wieder alle Buslichter löschte und die Türen verschlossen hielt. Unter dem Vorwand, mit ihnen eine Zigarette rauchen zu wollen, veranlasste er die 18-Jährigen, noch eine Weile bei ihm zu bleiben. Nach dem Rauchen näherte er sich beiden unsittlich. St.: „Ich habe nach kurzer Zeit gedroht, mit dem Handy um Hilfe zu rufen, wenn er die Tür nicht aufmacht. Das hat er dann irgendwann getan.“

Der Job ist erstmal weg

Sehr gefasst, sie wirkt fast trotzig, sitzt die 15-jährige K. als viertes Opfer im Zeugenstand. Laut ihrer Aussage schaffte sie es, selbst nach 20 Minuten Belästigung, den Türöffner im Cockpit zu drücken und zu flüchten. Aber auch ihre nervliche Stärke verabschiedet sich beim Verlassen des Saals. Die Tränen fließen.

Bei so vielen übereinstimmenden Aussagen könnte der Fall ziemlich schnell verhandelt sein. Doch so leicht macht es der Angeklagte Strafrichter Thomas Roth nicht. Mit zwei Verteidigern im Rücken bestreitet er nicht nur sämtliche Vorwürfe, er leugnet sogar, die jungen Damen überhaupt zu kennen. Nie habe er eine von ihnen mit ins Depot genommen oder gar mit seinem Privatwagen nach Hause gefahren.

Seinen Job bei dem Omnibusbetrieb ist der verheiratete Vater von zwei Kleinkindern erstmal los. Über seine weitere Zukunft wird der letzte Verhandlungstag am 2. Januar entscheiden. Dann sollen noch zwei weitere Zeugen gehört werden.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © dpa

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