Zu Fuß in eine bessere Zukunft

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Ibrahim Zayed lebt seit 1992 in Eppertshausen. Der politisch und sozial engagierte 70-Jährige blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück.

Eppertshausen - Einen langen Weg hat Ibrahim Zayed hinter sich gebracht, um seinen Traum zu verwirklichen: Von Jordanien aus machte er sich 1964 zu Fuß mit seinem Freund Abdullah auf den Weg, um nach Europa zu gelangen. Von Jasmin Frank

„Ich war gebürtiger Palästinenser und hatte keine Chance auf eine gute berufliche Zukunft“, erinnert sich Zayed. „Nach der Mittleren Reife habe er eine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht, danach Abitur und anschließend ein Pädagogikstudium absolviert. „Aber um eine Anstellung zu finden, hätte ich 100 Dinar Bestechungsgeld aufbringen müssen – etwa 1 000 Mark. Weil ich das Geld nicht hatte, bekam ich keine Arbeit.“

Also zogen die beiden Pfadfinder los über Syrien und die Türkei nach Griechenland und Jugoslawien, dann über Italien in die Schweiz und zu guter Letzt über Frankreich nach Deutschland – acht Monate zu Fuß. „Eigentlich war mein Ziel Schweden. Aber wir besuchten einen Freund in Hagen und dort sind wir von den Deutschen so herzlich aufgenommen worden, dass ich mich entschieden habe, hier zu bleiben.“

Zunächst kamen die beiden Freunde in einer Jugendherberge unter. Dort machte der Herbergsvater ihnen immer wieder Ärger, weil sie die Schließzeiten nicht einhalten konnten. Denn zu Essen gab es immer erst abends etwas bei befreundeten Familien. Als es wieder einmal später geworden war, trauten sich die zwei Araber nicht zurück, suchten stattdessen ein Hotel. Ein Journalist wurde auf sie aufmerksam, und weil es ihnen peinlich war zuzugeben, dass sie zu spät waren, gaben die zwei jungen Männer vor, sich verlaufen zu haben. Der Journalist rief die Polizei zur Hilfe. Die brachte die beiden zurück und ermahnte noch den Herbergsvater, Schilder für ausländische Gäste aufzustellen.

Die Ehefrau in Gelsenkirchenh kennengelernt

„Alle waren herzlich zu uns. Der Journalist half uns bei der Arbeitssuche, und als wir unseren ersten Job in einer Hagener Eisenhandlung hatten, saßen dort alle Mitarbeiter mit einem Wörterbuch, um mit uns sprechen zu können“, erzählt Zayed begeistert. „Fremdenfeindlichkeit ist mir nie begegnet, egal wo ich bisher in Deutschland gearbeitet habe.“

Schnell lernte Zayed deutsch und begann ein Medizinstudium, das er jedoch abbrach, weil er seine Familie während der Kriege in Jordanien unterstützen musste. Er arbeitete als Krankenpfleger, bildete sich fort und wurde Anästhesiepfleger und schließlich Pflegeleiter. Der fröhliche Mann ist dankbar für das Glück, das er immer wieder gehabt hat, und erzählt gerne, wie er seine deutsche Frau in Gelsenkirchen kennenlernte. „Sie arbeitete bei einer Autovermietung, dort habe ich sie imVorbeigehen durch das Fenster gesehen und wusste sofort, dass ich sie kennenlernen will“, schmunzelt er. Einige Anläufe und Autoanmietungen später war sie von ihrem Ibrahim überzeugt. Weder seine noch ihre Eltern hatten etwas gegen die internationale Verbindung und bis heute ist das Paar glücklich miteinander. Den Söhnen Mahdi und Yassin wurde die Religionswahl freigestellt und mittlerweile sind auch schon zwei Enkelkinder da, von denen Zayed strahlend erzählt.

„Parteien sollen an einem Strang ziehen“

1992 hat es ihn nach Eppertshausen verschlagen, als er sich als Altenpfleger selbstständig machte. Nun arbeitet die ganze Familie in dem kleinen Betrieb mit. Doch Zayed, der seit 1980 deutscher Staatsbürger ist, hat nebenher noch genug Zeit, sich vor Ort zu engagieren: Er ist seit Jahren für die Eppertshäuser Sozialdemokraten aktiv und sitzt seit über einem Jahrzehnt in der Gemeindevertretung. „Ich habe auch viele persönliche Freunde in der CDU und finde sowieso, dass in einem kleinen Ort die Parteien an einem Strang ziehen sollten. Schließlich wollen wir alle das Gleiche: das Beste für Eppertshausen.“

Zayed setzt sich insbesondere für sozial Benachteiligte ein und findet, dass diese Menschen mehr Aufmerksamkeit verdienen. „Wir haben in Eppertshausen Familien, die auf das Essen der Dieburger Tafel angewiesen sind. Sie sollten nach ihren Bedürfnissen gefragt und dann mit Sachspenden unterstützt werden“, fordert er.

Für den Eppertshäuser gab es in diesem Jahr gleich zwei bewegende Momente: Vor wenigen Tagen feierte Zayed seinen 70. Geburtstag und viele Menschen aller Parteien, Generationen und Religionen kamen, um ihm zu gratulieren. Zudem durfte er als ältestes Mitglied der Gemeindevertretung die konstituierende Sitzung nach der Kommunalwahl eröffnen. „Ich war in diesem Moment sehr aufgeregt, denn für mich, der ich eine ausländische Herkunft habe, war das eine ganz besondere Ehre.“ Er sei den Tränen nahe gewesen, so Zayed – und ergänzt: „Ich bin sehr dankbar, dass ich hier in Deutschland Möglichkeiten bekommen habe, die ich in meiner Heimat nie gehabt hätte.“

Quelle: op-online.de

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