Streetworker brachte Onur Sarisin auf Weg

„Ohne Disziplin hast du keine Deckung“

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Onur Sarisin zeigt Jugendlichen, wie man boxt.  

Eppertshausen - „Wir waren eine schlimme Truppe“: Wenn Onur Sarisin einige Jahre zurückblickt und von seiner Eppertshäuser Clique erzählt, „90er Baujahr, so an die zehn Leute“, dann beschönigt er nichts.

Im Teenie-Alter lief es für den gebürtigen Langener, der in Eppertshausen aufwuchs, alles andere als rund: In der Schule wurde ihm zunächst das Gymnasium empfohlen, mangels Disziplin und Lernbereitschaft katapultierte er sich auf die Hauptschule. Auf dem Bolzplatz gehörte er zu jenen, die gern mal was demolierten, um ihren Frust loszuwerden. Heute, etwa acht Jahre später, kann der inzwischen 24-jährige Sarisin darüber nur den Kopf schütteln. Längst ist er privat und beruflich zurück auf dem rechten Weg - und gibt in Münster und Eppertshausen nicht nur sportliche, sondern auch soziale Erfahrungen im Rahmen des Boxprojekts der beiden Gemeinden zurück (wir berichteten).

Einfach mal so verhielt sich der Eppertshäuser in der pubertierenden Phase nicht asozial. Als er 14 war, trennten sich seine Eltern - „da habe ich den Halt verloren“. Die damaligen Freunde trugen nicht eben zur Beruhigung bei. Doch die Gemeinschaft im Ort fing ihn auf.

Erinnert sich Sarisin, was ihn damals zurück in die Spur brachte, fällt ihm besonders eine Person ein: Ismail Özdemir, Streetworker in Eppertshausen. „Er hat sich uns Jungs angenommen“, sagt Sarisin. „Er hat uns gezeigt, dass man mit Disziplin und Respekt etwas erreichen kann.“

Özdemir findet besser Zugang

Diesen Ansatz verfolgten gewiss auch andere im Umfeld der einstigen Eppertshäuser „Problemkids“, Lehrer und Angehörige etwa. Doch Özdemir fand besonderen Zugang zu ihnen. Einerseits vermochte er ihnen mit der Kinder- und Jugendförderung der Gemeinde Anreize zu bieten. Sarisin erinnert sich gern an Fahrten zu den Frankfurter Basketballern oder auf die Kartbahn zurück, an entspannte Stunden im Jugendzentrum. Dafür erwartete Özdemir allerdings ein bestimmtes Verhalten: „Man wurde gelobt, wenn man Regeln einhielt, neben dem Zuckerbrot gab es aber auch die Peitsche“, sagt Sarisin. Im Boxprojekt, in dem Özdemir bis heute ebenfalls wirkt, fügte man sich - oder ertrug die Konsequenzen. „Hielt man sich nicht an die Regeln, blieben Bolzplatz oder Jugendzentrum eben geschlossen. Damit aber ging für uns ein Stück Heimat verloren.“ Wer auf den Bolzplatz gespuckt hatte, musste ihn nachher auf den Knien wieder säubern. Sarisin und Co. fügten und besserten sich.

Inzwischen wirkt das auf den Eppertshäuser wie ein Teil seines Lebens, der zum Status quo nicht mehr recht zu passen mag. In der Schule riss er sich nach und nach wieder zusammen. Heute arbeitet er als Baustoffprüfer bei ISK in Jügesheim. Seit zwei Jahren besitzt er die deutsche Staatsangehörigkeit, seit drei Jahren boxt er im Darmstädter Kampfsport-Zentrum „Fight Time“. „Boxen hat mit Ausdauer und Kraft zu tun, das ist was anderes, als nur im Studio zu pumpen.“ Vor allem aber gelte: „Dicke Muskeln allein nutzen dir gar nichts. Du musst wendig sein und Kopfarbeit leisten.“ Auch das versucht er, anderen im Münsterer und Eppertshäuser Boxprojekt zu vermitteln.

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Nicht nur er ist Streetworker „Isi“ Özdemir derweil dankbar. „Er hat uns schon immer gesagt, was richtig und falsch war. Alle aus unserer damaligen Clique haben sich positiv entwickelt, haben einen Job und stehen mit beiden Beinen im Leben.“ Hängengeblieben sei auch die Erkenntnis, dass der Alltag wie der Kampfsport funktioniere: „Ohne Disziplin und Respekt hast du keine Deckung.“

jd

Quelle: op-online.de

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