Erfahrung ist ein großes Geschenk

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Und so lernte Linda Rosam praktisch hautnah, wie wichtig die Unterstützung von Deutschland aus ist.

Eppertshausen ‐ Eigentlich gibt es für die meisten Menschen vor Heiligabend nur ein bestimmendes Thema: den großen Geschenkeaustausch. Von Thomas Meier

Doch macht Weihnacht und die Geschichte um das große Christenfest viel mehr aus, als der profane Transfer von Luxusgaben bei uns. Dass Geben oft schöner ist als Nehmen, dass man für Materielles mit einem vielleicht gar noch wertvolleren Gut belohnt werden kann, ist eine unschätzbare Erfahrung.

Eine sehr authentische Weihnachtsgeschichte, erlebt in einem heißen Sommer in Rumänien, weiß Linda Amelie Rosam in eiskalter Weihnachtszeit in Eppertshausen zu erzählen.

Eine sehr authentische Weihnachtsgeschichte, erlebt in einem heißen Sommer in Rumänien, weiß Linda Amelie Rosam in eiskalter Weihnachtszeit in Eppertshausen zu erzählen. Die Erzieherin hat über ihren zweiwöchigen Besuch im Kinderheim Villa Kunterbunt nicht nur einen anrührenden Bericht für den Weihnachtsbrief der katholische Pfarrgemeinde St. Sebastian geschrieben, sie teilt auch den Kleinen in ihrer katholischen Kindertagesstätte mit Bildern und Worten ihre Erlebnisse mit. Bei Kerzenschein vom Adventskranz hingen die Kinder dabei an ihren Lippen der 25-Jährigen.

Zufällig, aber nicht von ungefähr kam sie zu ihrem 14-tägigen „Abenteuerurlaub“, denn schon als 14-Jährige war die engagierte Frankfurterin, die in Eppertshausen groß geworden ist, fasziniert von Berichten ihrer Großeltern. Die halfen 1998 in Rumänien in dem Heim Casa de Copii mit, dem Waisenheim, dem St. Sebastian schon über zwei Jahrzehnte eng verbunden ist. „Meine Oma nähte Kleider für die armen Kinder, mein Großvater reparierte Fahrräder“, erinnert sich Linda Rosam an die Berichte von Gerd und Waltraud Emde, die bei ihr schon damals den Wunsch festigten, dort auch einmal helfen zu wollen.

Pfarrer Harald Christian Röper erfuhr vom Interesse der Erzieherin. Er zögerte nicht lange und überbrachte schon bald die überraschende Nachricht, dass sie im Juli einen Hilfstransport zum 1500 Kilometer entfernten Waisenhaus nach Sincrai begleiten darf. Dafür machte der Pfarrer gar einen Sonderurlaub locker, ging es doch darum, die in Eppertshausen wohl bekannte Heimleiterin Marlis Mai in der fernen Villa Kunterbunt zu unterstützen.

„Keine Sekunde zögerte ich, zuzugreifen“, sagt Linda Rosam, die mit ihrer Begeisterung ihre Freundin Hanne Wagner infiziert hatte, so dass auch sie sich mit auf den Weg ins Armenhaus Europas machte.

Spezialitäten und eine durchgeschlafenen Nacht

19 Stunden dauerte die beschwerliche Non-Stop-Reise. „Ich hatte mich auf einiges gefasst gemacht“, sagt die Reisende heute, war sie doch von Großeltern und anderen Waisenhaus-Kennern „darauf vorbereitet worden, dass die Menschen sehr arm sind und von sehr viel bedeutsameren Sorgen bewegt werden, als wir es uns vorstellen können.“ Und: „Als wir endlich unser Ziel erreichten, überkam mich Erleichterung. Ich sah die Villa Kunterbunt, welch ein schönes Haus.“

Doch nach herzlicher Begrüßung durch die Kinder, der Bewirtung durch Marlis Mai mit leckeren rumänischen Spezialitäten und einer durchgeschlafenen Nacht sollte auch das Alltagsgeschehen die Gäste aus Eppertshausen erreichen.

Die mitgebrachten Spenden und Hilfslieferungen wurden sortiert und verteilt. Rosam: „Die Kinder genossen es, mit uns zu spielen, zu turnen, zu malen oder nur Quatsch zu machen.“ Doch so „toll“ die sechs in Mais Waisenhaus betreuten Kinder auch im ersten Augenblick wirkten, wurden die Gäste sofort auch mit jedem Einzelschicksal konfrontiert: Das einzige Mädchen, ältestes Kind im Haus, ist autistisch, ebenso wie ein Junge, der aus einer Roma-Familie stammt. Ein Elfjähriger ist hyperaktiv („Er spricht deutsch und ist das einzige unter den Kindern, das eine Regelschule besucht“), einer der Jungen kam mit einem Wasserkopf auf die Welt und ist entwicklungsverzögert. Die beiden anderen Jungs stammen aus Familien mit Alkoholproblemen und hinken ihrer Entwicklung gewaltig hinterher, konstatiert die Erzieherin.

„Ohne die Frau im Haus, ohne Marlis Mai, die sich um das Wohl aller kümmert, hätten diese Kinder womöglich nie erfahren was es heißt, eine Familie zu haben“, ist sie sich sicher, und: „Die Villa Kunterbunt ist kein gewöhnliches Heim, sondern den Kindern ein Zuhause.“

Vieles selbst anbauen und eigene Tiere halten

Die beiden jungen Frauen lernten noch mehr von Rumänien kennen, gehörte doch auch das tägliche Einkaufen zu ihrem Tagesablauf. Völlig überrascht waren sie vom Besuch des Supermarktes: „Als wir mit vollem Wagen für die siebenköpfige Familie raus kamen, fragten wir uns, wie viele Rumänen es sich wohl leisten können, überhaupt einkaufen zu gehen.“ Das Durchschnittsgehalt liegt in Rumänien bei unter 400 Euro im Monat. Die Einkaufspreise weichen aber nicht sonderlich von denen in Deutschland ab. „Deshalb ist es überlebenswichtig, dass die Rumänen vieles selbst anbauen und eigene Tiere halten, die zur Feldarbeit und als Nahrungslieferanten gebraucht werden.“

Ein ehemaliges Heimkind der Casa de Copii, das mittlerweile mit seiner Familie auf eigenen Füßen steht, wurde besucht. „Alle wohnen in einem Haus, das kleiner ist als mein Wohnzimmer“, berichtet Linda Rosam. Mutter, Vater, Oma und zwei Kinder hausten darinnen, vor der Hütte halten sie Hühner, der Fluss liegt direkt um die Ecke. „Als wir bei der Familie eintrafen, kam die Oma gerade vom Wasser. In einem alten Karren zog sie einen Teppich, den sie gerade im Gewässer sauber gemacht hatte, hinter sich her. Staubsauger oder gar Teppichreiniger - Fehlanzeige.“ Die Erzählerin staunt noch heute über diese Begegnung. Und die Heuernte beeindruckte sie: „Nicht wie bei uns üblich mit Traktoren und Heupresse: Da arbeiten die Bauern noch mit Pferd, Hand und Heugabel. Ohne schweren körperlichen Einsatz geht da nichts.“

Linda Rosam und ihre Freundin sahen viel Leid

Und so lernte Linda Rosam praktisch hautnah, wie wichtig die Unterstützung von Deutschland aus ist. Sie erlebte die Kinder der Villa Kunterbunt bei Ausflügen, die von der Projektgruppe Casa de Copii organisiert und finanziert werden, übernachtete mit ihnen in Geoagiu Bai in Holzhütten, besuchte mit ihnen ein Schwimmbad, „in dem sich die Kinder mal richtig amüsieren und austoben konnten.“

Linda Rosam und ihre Freundin sahen viel Leid, wurden aber durch ganz private, tiefe Erlebnisse auch reich belohnt. Die junge Erzieherin ist voll des Dankes an all diejenigen, die ihr dieses Geschenk machten, das man so gar nicht mit Geld aufwiegen kann.

Und dies ist ihre Nachricht, die Linda Rosam zu Weihnachten weitergeben möchte. Auf diesem Wege auch an unsere Leser...

Quelle: op-online.de

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