Erinnerungen an den Krieg verbinden

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Endlich mal wieder vereint: 21 Schönwälder des Jahrgangs 1928/29 trafen sich in Eppertshausen und hatten sich natürlich eine Menge zu erzählen.

Eppertshausen - In wunderschönen, zum Teil selbst gefertigten Trachten und ausgerüstet mit Fahnen präsentierten sich am Samstag stolz 21 Schönwälder des Jahrgangs 1928/29 vor der Katholischen Kirche St. Sebastian. Doch wie kommt eine Oberschlesische Delegation nach Eppertshausen? Von Jasmin Frank

Das weiß Magdalena Botscheck, selbst gebürtige Schönwälderin und seit den 60er Jahren in der Gemeinde ansässig: „Zu unserem fünfzigsten Geburtstag, also 1979, kam mir zum ersten Mal die Idee, meinen Jahrgang ausfindig zu machen. Wir sind ja bei Kriegsende so gut wie alle geflohen und waren dann in ganz Deutschland verteilt. Ich habe mich an unseren Heimatchronisten, Peter Bielke, gewandt, der hatte die Adressen parat.“

Zu Beginn ihrer jährlichen Zusammenkünfte waren sie an die 200 Personen, altersbedingt schrumpft der Kreis leider, doch die verbleibenden Damen und Herren sind ausgesprochen aktiv. Und jeder bringt seine eigene, persönliche Geschichte mit, die sich aus heutiger Perspektive spannend darstellt, für die Betroffenen aber überwiegend traurig und kräftezehrend war.

So berichtet die 80-jährige Initiatorin: „Meine Eltern hatten einen Bauernhof in Oberschlesien. Als offensichtlich wurde, dass der Krieg verloren war, sind wir mit unseren Pferden über Tschechien geflohen. Doch die Fuhrwerke waren nicht gebirgstauglich, so dass wir uns als Familie trennen mussten, um nach Österreich zu gelangen. Dort sind wir zwar wieder zusammengekommen und konnten bei Bauern Arbeit finden, doch bald mussten wir das Land wieder verlassen und wurden von den Amerikanern in einem Viehwaggon nach Deutschland verfrachtet.“ Dort kam die Familie dann in Oberaula wiederum bei Bauern unter.

Mit künftigem Ehemann fast nur über Briefe kommuniziert

Magdalena Botscheck musste immer hart arbeiten und erhielt dafür wenig Lohn. Schließlich lernte sie ihren Mann Günther kennen, mit dem sie die zwei Jahre bis zu ihrer Hochzeit fast nur über Briefe kommunizieren konnte. Der Essener Bergmann wurde bei den dortigen Zechenschließungen arbeitslos. Da aber Magdalenas Schwester Marta bereits in Eppertshausen wohnte, kamen sie hier her und Günther Botscheck fand bei der TN in Urberach Arbeit. „Da wir Schönwälder streng katholisch waren und in Eppertshausen ja auch viele Katholiken wohnen, haben wir uns hier schnell eingelebt“, freuen sich die Schwestern.

Das jährliche Zusammenkünfte der Oberschlesier wird deshalb auch von einem Gottesdienst eingeleitet, bei dem nicht nur der hiesige Pfarrer Harald Christian Röper anwesend ist, sondern auch sein Kollege Albert Ciupke, ebenfalls Schönwälder und nunmehr in Stuttgart beheimatet. „Ich war 16 Jahre lang bischöflicher Beauftragter für Vertriebene und Aussiedler und bin deshalb mit vielen Betroffenen in Kontakt gekommen. Aber zum Schönwald-Treff komme ich privat, denn ich gehöre ja hier dazu“, berichtet Ciupke. Auch er hat eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Seine Familie ist nicht geflohen, sondern nach dem Krieg von der russischen Armee vertrieben worden, wobei die Hälfte seiner Angehörigen zu Tode kam und Geschwister von ihm vor seinen Augen erschossen wurden.

„Ich hatte weder Rad noch Schuhe“

Nach der Vertreibung kam er in Mecklenburg unter, wo es für ihn sehr schwierig war ein Gymnasium zu besuchen. „Die nächste Schule war 24 Kilometer weit weg. Es gab keinen Bus, ich hatte weder Fahrrad noch Schuhe. Ich bin dann schnell mit nur 16 Jahren alleine in den Westen geflohen und habe mein Abitur mit 23 Jahren auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt. Ich bin der einzige aus meinem Jahrgang, der Abitur gemacht hat.“

Diese Erfahrung hat den Pfarrer stark geprägt und als er als Vikar die Möglichkeit hatte, nach Argentinien zu gehen, hat er sie ergriffen, um da helfen zu können, wo es ihm eine besondere Angelegenheit war: „Ich habe mitten im Dschungel eine Schule aufgebaut, denn den Kindern dort ging es ja so wie mir früher. Wir alle wollen etwas lernen, brauchen dafür aber die Gegebenheiten.“

Die Schule existiert nun seit 35 Jahren und wird noch immer gerne besucht. Doch nach diesem gedanklichen Ausflug in die weite Ferne kommt Ciupke schnell zurück auf die Gegebenheiten vor Ort und meint: „Ich bin froh, dass es unsere Treffen gibt und wir uns miteinander austauschen können.“ Und nach der langen Erzählung widmet er sich dem original Schönwälder Kuchen: Hefeteig mit viel Quark oder Mohn, belegt mit extra dicken Streuseln.

Quelle: op-online.de

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