Ferien von der furchtbaren Armut

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Die Kinder mit Marlis Mai (2. Reihe dritte von links) und Sascha Wolf (hinten links), der die Transporte organisiert.

Eppertshausen ‐ Kinderstimmen, fröhliches Lachen und freudige Rufe tönen durch den Eppertshäuser Pfarrgarten hinter der katholischen Kirche: Es wird gegrillt und zwar mit sechs Kindern aus Rumänien, die für vierzehn Tage in der kleinen Gemeinde zu Besuch sind. Von Jasmin Frank

Die Eppertshäuser Einwohner haben schon seit vielen Jahren eine enge Verbindung in das rumänische Dörfchen Sancrai, unterstützen sie doch immer wieder mit Geld- und Sachspenden das von Pfarrer Harald Christian Röper initiierte Projekt Casa di Copii, das Haus der Kinder. Doch im selben Ort, das nur etwa 150 Familien umfasst, gibt es noch ein weiteres Waisenhaus, das mit Eppertshausen in Kontakt steht, die Villa Kunterbunt. Sie wurde von einer Eppertshäuserin gegründet.

„Ich bin über Casa di Copii auf die Probleme der Kinder dort aufmerksam geworden. Das Schlimmste dort ist der überall auftretende Alkoholismus, gepaart mit der allgegenwärtigen Armut. Deshalb werden die Kinder häufig nach der Geburt einfach im Krankenhaus gelassen, viele der Kleinen haben eine Behinderung oder zumindest ein Defizit“, erzählt Marlis Mai, die seit über zehn Jahren in Rumänien lebt.

„Wie bei uns die Dörfer in den fünfziger Jahren“

Sie lernte bei einem der Transporte die kleine Mihaela kennen, die Autistin ist. Weil sie das Kind nicht adoptieren konnte, blieb sie dort und nahm auch die beiden Brüder des Mädchens zu sich. Mittlerweile versorgt sie sechs Kinder, zwei davon wurden ihr von Casa di Copii vermittelt. Alle ihrer Kinder haben, bis auf den Jüngsten ihrer Schützlinge, den kleinen Bogdan, eine Behinderung.

„Ein Junge ist Roma. Er durfte leider nicht mitfahren, weil seine Mutter es verboten hat. Er lebt bei uns, weil seine Mutter sehr arm ist, sie wohnt in einer Lehmhütte und kümmert sich kaum um Fernando“, erzählt Mai. Den Roma geht es noch schlechter als den restlichen Rumänen, die Schere zwischen arm und reich klafft noch weiter auseinander.

Sascha Wolf, der die Hilfstransporte nach Sancrai organisiert, weiß um die Zustände vor Ort. „Auf dem Land ist es so, wie bei uns die Dörfer in den fünfziger Jahren waren. Viele haben noch nicht einmal fließendes Wasser sondern Brunnen. Auch Toiletten gibt es nur hinter dem Haus. In den Städten ist es moderner“, berichtet er. Seit dem Beitritt in die EU sei zwar vieles besser geworden, so gebe es jetzt flächendeckende Handynetze, dafür seien die Lebenshaltungskosten aber auch sehr gestiegen. Immer noch sei die Armut sehr groß, für viele Kinder, insbesondere welche mit Behinderung, sei da in den Familien häufig kein Platz. „Diese Kinder werden einfach abgeschoben, niemand hat Interesse an ihnen. Deshalb sind die beiden Einrichtungen auch so weit weg von allem anderen, denn dort stören die Kinder niemanden“, weiß Wolf.

Schützlinge haben kein Heimweh

In Eppertshausen jedenfalls sind die Jungen und das Mädchen im Alter zwischen zehn und 18 Jahren herzlich willkommen. Die Kinder sind begeistert, ihnen kommt ihr Aufenthalt vor wie ein Traum. Sie machen viele Ausflüge, so waren sie Tretbootfahren und auf dem Heinerfest. Der kleine Bogdan lacht: „Wir waren im Museum mit Dinosauriern und wir waren schwimmen.“ So ein Schwimmbadbesuch ist in Rumänien Luxus, in der näheren Umgebung von Sancrai gibt es nur ein Hotel mit Schwimmbad, dessen Preise unerschwinglich sind. „Wir haben jetzt einfach ein Loch gegraben und gefliest, damit die Kinder überhaupt mal ins Wasser können“, meint die resolute Ersatzmutter Mai.

Ihren Schützlingen gefällt es in Deutschland sehr gut, Heimweh haben sie keines. Als Bogdan vom Flughafen nach Eppertshausen fuhr, hat er schon im Auto gesagt: „Hier ist es schön. Alles ist so sauber und so fein.“ Damit die Kinder in Rumänien neben der Schule noch etwas für ihre berufliche Zukunft lernen können, plant Marlis Mai nun, eine kleine Werkstatt mit Keller neben ihrer Villa Kunterbunt zu errichten. „Den Keller brauchen wir, weil wir Selbstversorger sind und noch keine Möglichkeit haben, unser Obst und Gemüse zu lagern. Und in der Werkstatt sollen Holz- und Metallverarbeitende Maschinen und Geräte aufgestellt werden, damit die Kinder lernen, damit umzugehen. Was für eine Zukunft haben sie sonst?“, fragt sie zurecht.

Wer also noch alte, aber intakte Maschinen oder Werkzeug hat, kann dies gerne bei Sascha Wolf (Tel.: 06106 22803) abgeben, der es dann auf seinem nächsten Hilfstransport mitnehmen wird. Noch dringender benötigt werden Geldspenden, die auf das Konto der Villa Kunterbunt mit der Nummer 39160 bei der Volksbank Eppertshausen, BLZ 508 655 03, eingezahlt werden können.

Quelle: op-online.de

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