Handwerk und die Historie

Fidele Freizeit-Feintäschner

+
Aus dem Vollen konnten die Kinder bei der Ferienfreizeit bei der Friedensgemeinde schöpfen: Für ihre Taschen standen ihnen Lederreste zur Verfügung, die, teilweise mehrere Qudratmeter groß, alles andere als nach Resten ausschauten.

Eppertshausen - Die evangelische Friedensgemeinde gehört zu den tragenden Stützen der Ferienfreizeit. Jedes Jahr bietet sie den Ferienspielkindern ein interessantes Projekt, das Karin Keck-Hensel vorbereitet. Von Michael Just 

Das Kirchenvorstandsmitglied hat einen besonderen Hang zum traditionellen Handwerk, was sich auch jetzt wieder bemerkbar machte: Zum ersten Mal stand das Arbeiten mit Leder auf dem Programm. Dafür rückte die nicht geringe Zahl von 49 Kindern ins Gemeindehaus an. Sie wurden von Karin Keck-Hensel und von einem halben Dutzend weiterer Frauen der Friedensgemeinde, den sogenannten Teamern, betreut. Ziel war es, eine originelle Tasche zu fertigen. Dafür waren zwei Tage vorgesehen. Für jene, die es in dieser Zeit nicht schaffen, hängte man noch einen dritten Tag zum Abschluss der Arbeiten dran.

Da das Alter der Schüler von sieben bis 13, und damit von Klasse eins bis sechs rangierte, gab es bei den Taschen verschiedene Schwierigkeitsanforderungen zu bewältigen. „Je älter das Kind, je größer die Tasche und der damit verbundene Nähaufwand“, erklärte Keck-Hensel. Der ließ sich an der Zahl der der ausgestanzten Löcher festmachen, mit denen Front, Rücken, Boden und Seitenteile zusammengenäht wurden. Verzierungen in Form von Initialen und Blumen konnten ebenfalls angebracht werden. Wer nicht mit Leder arbeiten wollte, hatte als Alternative Filz zur Wahl.

Thema Leder

„Bei der Vorbereitung haben wir festgestellt, dass echtes Leder gar nicht so leicht zu bekommen und außerdem nicht günstig ist“, erzählt Karin Keck-Hensel. Die Nachfrage bei zwei Lederhandlungen in Obertshausen und Ober-Roden hatte sich dann aber doch als erfolgreich gezeigt. Vor allem die Firma Jacobs gab zahlreiche Reste für kleines Geld ab. Mit dem Thema Leder tauchten die Kinder und Betreuer ganz unverhofft in die Historie von Eppertshausen ein, denn nicht alle wussten, dass es im Ort früher rund 600 Menschen gab, die direkt oder indirekt vom Lederhandwerk lebten. Mit Willi Waldmann (70) und Alois Steinmetz (75) lud die Friedensgemeinde zwei Experten ein, die den Kindern etwas über diese Arbeit erzählen konnten. Beide verdienten 50 Jahre lang als Feintäschner ihr Geld. Seit fünf, beziehungsweise zehn Jahren, sind sie nun im Ruhestand. Als Hobby ist Willi Waldmann seinem mittlerweile selten gewordenen Beruf immer noch treu geblieben. Die Männer brachten Maschinen mit, wie etwa eine Vorrichtung zum Anbringen von Druckknöfen, mit mit denen sie die Kinder unterstützten.

Bei der heutigen Lederproduktion stammen von allen weltweit verarbeiteten Häuten 95 Prozent von Rindern, Kälbern, Schafen, Ziegen und Schweinen. In den meisten Fällen sind die Häute ein Nebenprodukt der Lebensmittelindustrie. In Deutschland wird vor allem mit Rindsleder gearbeitet. „Das ist besonders dick. Deshalb lässt es sich nochmal spalten. Dabei kommt eine hochwertige Oberhaut heraus, sowie eine Unterhaut, die als zweite Wahl gilt“, weiß Alois Steinmetz.

Das Gerben und Färben

Das Gerben und Färben wird in Deutschland heute kaum noch praktiziert, da Umweltschutzauflagen dies kaum noch zulassen oder unrentabel machen. „Auch die Manufaktur geht zurück. In der Regel beschränkt man sich hierzulande nur noch auf den Lederhandel“, wissen die beiden Experten. Selbst in China, bisher einer der Marktführer, führe die Preisspirale dazu, dass die Herstellung in noch billigere Länder, wie etwa Bangladesch, verlagert wird. Von einst 600 Menschen, die in Eppertshausen mit Leder und der Feintäschnerei in Verbindung standen, sind heute lediglich eine Handvoll übrig. Wenn auch nur als Hobby, bietet Willi Waldmann dem asiatischen Markt mit Qualität die Stirn. Hochwertige Lederbörsen kosten bei ihm zwischen 80 und 100 Euro.

Während einige Jungs nach der Fertigstellung ihrer Taschen noch rätselten, wo und für was sie diese verwenden sollen, waren die Mädchen bei dieser Frage etwas fixer unterwegs. „Ich werde sie mit den Urlaub nehmen“, kündigte Alia (11) an. Jessica und Sarah planen, ihr ganz eigenes „handmade“-Exemplar mit zum Tanzen zu nehmen. Bei den Funny-Dancers des FVCA und der Tanzabteilung des OWK wollen sie damit bei den nächsten Übungsstunden ganz schick einlaufen.

Unter das aktuelle Ferienfreizeitangebot der Friedensgemeinde zog Karin Keck-Hensel ein positives Fazit. „Wir sind in die Eppertshäuser Geschichte eingetaucht. Dazu haben wir viel über Leder erfahren, was auch meine Einstellung, was gute Lederprodukte kosten dürfen, verändert hat“, sagt sie. Im Herbst schwebt ihr nun vor, mit interessierten Schülern noch eine Fahrt ins Ledermuseum nach Offenbach zu unternehmen.

Quelle: op-online.de

Kommentare