Als Haie durch die Straße schwammen

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Silke McKeand kennt die Bilder von bis zu den Dächern überfluteten Häusern nicht nur aus der Zeitung: Sie hat die australische Naturkatastrophe vor Ort erlebt.

Eppertshausen ‐ Innerhalb weniger Stunden sein gesamtes Hab und Gut zu verlieren ist eine Horrorvision, die vor wenigen Wochen für unzählige Australier zur harten Realität wurde. Von Jasmin Frank

Die Flutkatastrophe, die wir in Deutschland nur über die Medien nachvollziehen konnten, hat eine Eppertshäuserin hautnah miterlebt: Silke McKeand war mit ihrer kleinen Tochter Casey bei ihren Schwiegereltern in Ipswich zu Besuch, einer Großstadt in der Nähe der Metropole Brisbane.

„Es war ein einschneidendes Erlebnis für uns alle, mit ansehen zu müssen, dass wir Menschen trotz aller Technik nichts gegen die Kraft des Wassers tun können“, fasst die junge Mutter das Erlebte zusammen. Ihre Schwiegereltern hatten Glück: Ihr jetziges Haus steht in einem höher gelegenen Viertel und blieb verschont. „Bei der letzten großen Flut im Jahr 1974 hatten sie aber noch ein anderes Domizil, das damals völlig überschwemmt worden war. Diese Katastrophe, einfach alles zu verlieren, wollten sie nicht noch einmal erleben, deshalb waren sie von dort weggezogen – zum Glück, denn dieses Mal war das alte Haus wieder voller Wasser“, berichtet McKeand.

In Ippswich waren die Menschen zumindest etwas vorbereitet gewesen, einen Tag vor Beginn der Katastrophe war eine Warnung ausgegeben worden. Chaos brach in der Stadt nicht aus, doch jeder versuchte irgendwie zu retten, was in der Kürze der Zeit möglich war. Entweder wurde die Einrichtung innerhalb des Hauses in eine höher gelegene Etage verfrachtet, oder gleich zu Freunden oder Bekannten gebracht, die nicht in den gefährdeten Zonen wohnen. „Meine Schwägerin Kym hatte Glück, sie wohnt zwar direkt im Hochwassergebiet, aber bei ihr stand das Wasser nur etwa 30 Zentimeter hoch. Außerdem haben alle Nachbarn und viele freiwillige Helfer mit angepackt, um wieder Ordnung zu schaffen, so dass alles recht schnell vor sich ging“, erinnert sich die Eppertshäuserin.

Sie selbst war mit ihrer Familie knapp eine Woche lang in deren Wohngebiet isoliert, drei Tage lang hatten sie keinen Strom. Während für die Tochter das Hauptproblem der nicht funktionierende Fernseher war, konnten sich die Erwachsenen nicht mehr über den aktuellen Stand der Dinge informieren: Auch das Radio und das Telefon versagten den Dienst. „Als dass Wasser dann endlich abgelaufen war, lag überall der stinkende Schlamm herum. Außerdem war alles voller Müll. In vielen Häusern war das Inventar komplett zerstört und die Menschen stellten ihr Hab und Gut an den Straßenrand, das war für viele sehr schlimm“, erzählt sie.

Die Armee war für die Entsorgung der Müllberge zuständig, zudem gab es überall Stationen, in denen sich die Bevölkerung gegen Tetanus impfen lassen konnte, denn zum Teil mussten die Menschen durch hüfthohes Wasser waten. Und darin warteten nicht nur Bakterien, sondern auch gut sichtbare Gefahren: Neben Schlangen wurden in Ipswich zwar keine Krokodile, dafür aber ein Hai gesichtet!

„Der erste Einkauf war ganz ungewohnt: Es gab nichts Frisches, weder Brot noch Obst. Ein Bäcker hat versucht, aus der Not Profit zu schlagen und hat für ein Toastbrot zehn Dollar verlangt“, schildert McKeand die Situation. Doch nach und nach sei durch die gute Organisation und den Einsatz der zahllosen Freiwilligen alles wieder in seinen gewohnten Gang gekommen. Doch für die Menschen bleibt ein ungutes Gefühl zurück: Nach der letzten Flutkatastrophe war eigens ein großer Staudamm errichtet worden, der verhindern sollte, dass sich eine solche Situation wiederholen könnte. Doch die Wassermassen waren nun so stark gewesen, dass die Schleusen geöffnet werden mussten.

Viele stellen sich nun die Frage, ob sie in der Region, zumal in den flachen Gebieten, wohnen bleiben wollen. „Die Australier sind hart im Nehmen. Stürme wie jetzt im Norden oder Feuer wie derzeit im Westen nehmen sie hin und bauen dann wieder auf. Aber diese Flut hatte ein solches Ausmaß, dass es selbst für dortige Verhältnisse zu viel war. Schließlich stand ein Gebiet so groß wie Frankreich und Deutschland zusammen unter Wasser“, meint die Eppertshäuserin, die selbst mehrere Jahre in Australien gelebt hat und schließt: „Trotz allem, ich könnte mir vorstellen, dort wieder zu leben.“

Quelle: op-online.de

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