Hans Müller bittet: „Nicht auf Zeit spielen“

Kinderbetreuung: Eppertshäuser klagt für Flüchtlingsfamilien wegen fehlender Plätze

Zieht für zwei Flüchtlingsfamilien, die in Eppertshausen seit Jahren keinen Betreuungsplatz für ihre Kinder kriegen, vor Gericht: Diplom-Sozialarbeiter Hans Müller.
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Zieht für zwei Flüchtlingsfamilien, die in Eppertshausen seit Jahren keinen Betreuungsplatz für ihre Kinder kriegen, vor Gericht: Diplom-Sozialarbeiter Hans Müller.

Hans Müller zieht jetzt für zwei Flüchtlingsfamilien vors Verwaltungsgericht. Bürgermeister Carsten Helfmann verspricht in Bälde neue Gruppen und auch das „Haus Westermann“ kommt als Standort ins Spiel.

Eppertshausen – In Eppertshausen fehlen Kita-Plätze: Rund 25 Kindern im Ort, deren Eltern sich aktuell und teils schon seit mehreren Jahren eine Betreuung wünschen, kann die Gemeinde weder in den Kitas Sonnenschein und St. Sebastian noch bei den Tagesmüttern ein Angebot machen. Obwohl darauf ein Rechtsanspruch besteht, hat diesen nach Angabe von Bürgermeister Carsten Helfmann (CDU) in der Kommune mit dem Storch bislang erst eine Familie eingeklagt. Diese Woche kommen beim Verwaltungsgericht zwei neue Klagen hinzu: Der Eppertshäuser Diplom-Sozialarbeiter Hans Müller vertritt per Vollmachten zwei Flüchtlingsfamilien, deren Integration durch die fehlenden Betreuungsplätze erschwert wird.

„Bitte Carsten!!! Spiele nicht auf Zeit, bring’ Bewegung in die Sache!“, schreibt Müller in einer seiner jüngsten E-Mails an den Rathaus-Chef. Beruflich ist der 64-Jährige in der Flüchtlingsunterkunft am Frankfurter Flughafen tätig, arbeitete 2016 und 2017 auch in der Eppertshäuser Flüchtlingshilfe mit.

Die beiden Familien, in deren Auftrag er nun Klage einreicht, sind ein Paar aus Syrien, das in der Heimat als Ingenieur und Lehrerin arbeitete, und eine alleinerziehende Mutter aus Ghana. Ursprünglich sollte Müller in diesen Tagen auch für eine alleinerziehende Mutter aus dem Iran Klage einreichen; doch erhielt die Frau am Donnerstag die Nachricht, dass sie wegen eines ausgeschlagenen Wohnungsangebots in Eppertshausen in Kürze nach Erzhausen umziehen müsse.

Die Familien, denen Müller unentgeltlich hilft, weil er „ihr Vertrauen gewonnen“ habe und „sie ihre Rechte nicht kennen oder wegen sprachlicher Hürden nicht selbst durchsetzen können“, sind das lange Warten auf einen Betreuungsplatz in Eppertshausen satt. „Seit anderthalb bis drei Jahren sind sie auf der Suche“, sagt Müller. Die Kinder seien im Alter von vier, fünf Jahren; wiederholte Anfragen auf einen Kita-Platz im Ort wurden seitens der Verwaltung mit Verweis auf fehlende Plätze und die Warteliste negativ beschieden. Die Kinder müssten daher „Deutsch auf Youtube statt in der Kita lernen“ und die Eltern könnten ihre Integrationskurse unregelmäßiger besuchen, weil sie selbst betreuen müssten. Auch die Jobsuche werde deutlich erschwert, „und das sind wirklich gebildete Leute, die arbeiten wollen“.

Seit einigen Wochen hat Müller seinen Einsatz für die Betroffenen intensiviert und mehrfach mit der Gemeinde und dem Jugendamt des Landkreises korrespondiert. Der Kreis Darmstadt-Dieburg wird auch der Beklagte sein, nicht die Gemeinde. Letztere sieht Müller dennoch zuerst in der Pflicht, ausreichend Betreuungsplätze bereitzustellen. Hier wird seine Kritik an Helfmann und den Gemeindevertretern vor allem der CDU grundsätzlich: „Er hat 18 Jahre Zeit gehabt. Notfalls muss er irgendwo zwei Räume anmieten, um die unversorgten Kinder unterzubringen.“

Helfmann bestätigt zunächst, dass er im Austausch mit Müller stehe, „ich kam nur noch nicht dazu, ihm auf sein letztes Schreiben zu antworten“. Für die integrative Sache aber wichtiger: Genau jene geforderte Suche nach neuen Räumen für die Betreuung laufe hinter den Kulissen schon. Denn bis die geplante neue und dann dritte Eppertshäuser Kita tatsächlich in Betrieb gehen kann, dürfte es noch drei bis vier Jahre dauern. Aktuell ist noch nicht einmal der Standort gesichert, auch wenn es auf ein Grundstück südlich der Babenhäuser Straße hinausläuft. Doch so lange will die Gemeinde die unversorgten Familien nicht hängenlassen. Helfmann zufolge ist es zudem nicht machbar, die voll ausgelasteten Kitas Sonnenschein und St. Sebastian um eine Gruppe zu erweitern.

Die schnelle Lösung könnte darin liegen, „ein bestehendes Gebäude anzumieten oder das Haus Westermann für die Kinderbetreuung umzufunktionieren“. In den nächsten Wochen werden dafür 100 000 Euro im Haushaltsentwurf für 2021 auftauchen. Helfmann hält die Nutzung des „Haus Westermann“ nahe dem Sportzentrum für geeignet, wenn vor Ort die Infrastruktur um Container erweitert werde. Der Standort würde auch gut zum Vorschlag eines Waldkindergartens, wie ihn kürzlich die Eppertshäuser SPD machte, passen. Eine oder zwei neue Gruppen im „Haus Westermann“ könnten als Außenstelle an eine der beiden bestehenden Kitas angedockt werden. Ein gelungene Blaupause dafür bietet etwa in Münster das „Haus der Kinder“ mit ausgelagerter Wald-Kita-Gruppe bei den Schützen.

Die bauliche Umsetzung sei recht rasch realisierbar, schätzt Helfmann. Gleichzeitig müsse natürlich auch zusätzliches Personal gefunden werden. Nachteil: Für die freizeitliche Nutzung geschlossener Gesellschaften könne das Objekt dann zumindest eine Zeit lang nicht mehr genutzt werden. Vor Corona boomte das gemeindliche „Haus Westermann“, es war fast jedes Wochenende vermietet.

Unabhängig von diesem Ansatz, die angespannte Betreuungssituation in Eppertshausen grundsätzlich zu entschärfen, macht Helfmann den Eltern Hoffnung, schon vorher die frohe Kunde von einem Betreuungsplatz für ihr Kind zu hören: „Alle sechs bis acht Wochen werden durch den Wegzug von Familien einzelne Betreuungsplätze frei, die wir dann über den Gemeindevorstand vergeben“, erläutert der Bürgermeister.

Wer zuerst einen Kita-Platz bekommt, hängt von der Prioritätsstufe ab, in die die Eppertshäuser Familien eingeordnet sind: Zuerst versorgte werden berufstätige Alleinerziehende, es folgen Familien mit zwei berufstätigen Eltern. Danach versorgt werden Familien, in denen ein Elternteil arbeitet, in diesem Bereich gibt es derzeit die ersten Unversorgten (zwei unbetreute Kinder im U3-Bereich).

Fast alle Kids ohne Kita-Platz gehören aktuell aber der Gruppe an, in denen keins der Elternteile berufstätig ist. Hier fällt der Anteil an Flüchtlingsfamilien naturgemäß besonders stark aus. Helfmann weist aber darauf hin, dass sich die Arbeitsaufnahme und ein fehlender Kita-Platz in Eppertshausen nicht gegenseitig behindern müssten: „Wer uns einen Arbeitsvertrag vorlegt, der wird in die nächsthöhere Priorität eingestuft.“ Und erhalte dann in der Regel auch einen Betreuungsplatz für sein Kind. (Von Jens Dörr)

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