Dieburgs Motorradspektakel

Dreiecksrennen: Erinnerungen eines Zeitzeugen

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Georg Hoffmann auf der original nachgebauten Redman-Honda, die sein Sohn zum Dreiecksrennen fahren wird, im Showroom des Eppertshäuser Biker-Treffs.

Eppertshausen - Phantastische Erinnerungen eines Eppertshäuser Zeitzeugen an Dieburgs legendäre Motorradrennen. Von Thomas Meier 

Er kennt sie alle und ihre Zeiten, die sie mit ihren zweirädrigen PS-Boliden auf dem berühmten Dreieckskurs benötigten. Allen voran die Rennlegende Georg „Schorsch“ Meier, der 1948 und 1949 mit seiner 500er BMW jeweils den ersten Platz belegte. Aber auch Ewald Kluge auf DKW-Rennmaschinen in der 125- oder 250-Kubikzentimeterklasse (1950), die beiden Ottos (Schmid und Kölle) im 500er BMW-Gespann von 1953 und viele weitere sind ihm nicht nur ein Begriff. Er hing ihnen in Dieburg bei den Dreiecksrennen an den Lippen. Und hat ihnen im Fahrerlager an der Ringstraße so manches abgeguckt.

Georg Hoffmann, 76-jähriger Motorradverrückter aus Dieburg, der seit 1965 in Eppertshausen seinen Traum lebt, schaut nicht nur am Samstag, 13. September, zum erneuten Revival vom Streckenrand aus zu: Er ist mit seiner 500er Honda, Baujahr 1974, mit der Startnummer 12 auch selbst im Rennen. Damit das Schätzchen auch auf volle Touren kommt, hat er sie gerade erst eigenhändig zerlegt, alles gewartet und geschmiert und wieder zusammengeschraubt. Georg Hoffmann ist unter Bikern längst selbst so etwas wie eine Legende. Und er hat tausendundeine Geschichten zu erzählen, aufregend und knatternd.

Ihm wurde das Schmierfett wenn auch nicht in die Wiege gelegt, so doch ganz nah an sie herangefahren. Sein Geburtshaus, in dem er aufwuchs, liegt an der Ecke Ringstraße/Groß-Umstädter Straße in Dieburg. Aus dem Fenster schaute er auf den Streckenverlauf in der Umstädter, durch die Haustür fiel er direkt ins Fahrerlager in der Ringstraße. Welche Dreiecksrennen er gesehen hat? „Na alle!“, strahlt der Kaufmann, der auch als Mechaniker bei jedem Oldtimer-Rennen bestehen würde.

Acht Rennen liefen zwischen 1948 und 1954, Hoffmann war immer mittendrin. Bis zu 75.000 Besucher strömten in den acht Jahren nach Dieburg, bis das Rennen aus sicherheits- und verkehrstechnischen Gründen eingestellt werden musste. Doch Hoffmann hatte stets seine Logenplätze inmitten des benzingetränkten Geschehens: „Ich holte den Fahrern schon als Bub ihre Zigaretten. Senussi oder Mokri mussten es sein. Drei Stück gab’s damals für’n Groschen.“

Letzte Handgriffe am Rennmotorrad, mit dem Georg Hoffmann in Dieburg das Rennen bestreiten wird.

Hoffmann ist seitdem heillos infiziert. Heute besitzt er selbst „über 50 Motorräder“, aber so genau will er sich nicht festlegen. Vor einigen Jahren gründete er den „Biker-Treff“ an Eppertshausens Hauptstraße 95a. Zuvor war dort, wo heute rund zwei Dutzend Oldtimer-Bikes unterschiedlichster Manufaktur und PS-Zahl um einen Citroen B2 „Hochzeitswagen Provence“ stehen, ein Schnellrestaurant. Jetzt verlustieren sich dort neben Initiator und Besitzer Georg Hoffmann hauptsächlich 15 weitere Fans und Bastler: „Vom Schullehrer bis bis Rechtsgelehrten, bei uns ist alles vertreten“.

Und alles vertreten scheint auch unter den Sammlerstücken zu sein, die der Dieburger in Eppertshausen sein eigen nennt. Die Marken: AWO-Simson, BMW, Benelli, MV Augusta, Ducati, NSU, BSA, Norton, Laverda, Triumph, Moto Guzzi, Bianchi, Kawasaki, Yamaha, Suzuki, Sachs. Seine älteste zweirädrige Maschine, eine „200er Zweitakt“, ist eine französische mit Karbid-Lampe vorne aus dem Jahr 1919: „Die gibt es schon ewig nicht mehr“, die neueste Rennsemmel hat auch schon 15 Jahre auf dem schwarzen Tankbuckel: eine 600 ccm Sachs Roadster mit Suzuki-Antrieb. Und alle Gefährte röhren auf Kommando. Ob per Kickstarter, Zündschlüssel-Dreh oder Anschub: Alles läuft wie geschmiert, manches darunter für die Polizei sicherlich auch viel zu schnell, käme es denn zum Straßeneinsatz.

Röhrende Schätzchen

Wie kommt ein Kaufmann zu so vielen röhrenden Schätzchen? Auch dazu hat Hoffmann eine einfache, aber geniale Geschichte. Er eröffnete am 20. August 1965 in Eppertshausens Hauptstraße den ersten Gebrauchtwagenhandel im Landkreis (über die Probleme, die es damals dabei gab, kann Hoffmann ein eigenes Buch schreiben). Und kurze Zeit später, weil es so florierte, eine Dependance in Frankfurts Mainzer Landstraße. „Weil ich zu einer Zeit mein Geschäft eröffnete, als der Trend bei deutschen Familien gerade hin zu Kleinwagen ging, kam ich zu den ersten Zweirädern.“

Eine Logik, die heute erklärt werden muss: Nach Krieg und Wiederaufbau schafften sich die meisten Leute zunächst günstige Fahrzeuge an. Und Mopeds und Motorräder konnten sie sich am ehesten leisten. Als Mitte der 60er der Wohlstand größer wurde, wuchs auch die Nachfrage nach Autos. „Und in Zahlung gaben viele gern ihre Zweiräder. Ich stellte sie bei mir ab, aber kam selten dazu, auch eines wieder zu verkaufen.“ Aha!

Mag freilich auch sein, dass der Schrauber im Manne wieder geweckt war. Zu den Inzahlungnahmen gesellten sich schnell die ersten Sammlerstücke. Im Freundeskreis wurde mal getauscht, Hoffmanns Motorradlager wuchs und wuchs.

Ein ganz besonderes Schmuckstück ist seine 1948er Douglas. Eine „M35“, die in einer Auflage von nur 75 Stück in England gebaut worden war. „Und die konnte man nicht kaufen“, erzählt Georg Hoffmann mit glänzenden Augen. Die Maschine mit Boxermotor und 14 Patenten bekamen vom Hersteller Bond Aircraft and Engineering, der die Motorradschmiede in Bristol 1935 übernommen hatte, nur gute Geschäftskunden für Großaufträge geschenkt. Und der Vorbesitzer von Hoffmanns Douglas, der an ein solches Sammlerstück gelangte und „32 Jahre daran restaurierte“, kam extra aus Berlin nach Eppertshausen, „um sein Kind bei mir in guten Händen zu wissen.“

Dieburger Dreiecksrennen

Zugegeben, die Geschichte um diesen „Bock“ mit 350 Kubikzentimeter quer im Rahmen liegendem Motor ist ausnehmend originell, aber Hoffmann hat zu jeder seiner Maschinen eine zu erzählen. Beispielsweise zur Replika einer Redman-Honda: „Alles echt nachgebaut und Siegerin von 2007 in Silverstone“, berichtet der Sammler über einen der größten Triumphe seines Sohnes Manfred (52). Der ist nämlich auch leidenschaftlicher Biker und fährt beim kommenden Dreiecksrennen in Dieburg mit eben diesem Schmuckstück vor. Die echte Redman-Honda lenkte einst James Albert „Jim“ Redman zum Sieg. Und der war ein ehemaliger rhodesischer Motorradrennfahrer und sechsfacher Weltmeister. „Die echte Maschine von ihm wäre unbezahlbar. Und frage nun niemand, was wir in unseren original Nachbau steckten“, sagt Hoffmann.

Er freut sich auf sein Heimrennen am 13. So gut wie jedes Wochenende in der Sommersaison ist er auf Motorradachse in ganz Europa unterwegs. Wo es knattert, Hoffmann und Freunde fahren hin. „Doch so einen Dreieckskurs wie den in Dieburg, den gibt es sonst nirgendwo.“

Quelle: op-online.de

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