Neuer Weg trägt Namen des letzten Rabbis

Initiative erinnert ans Leid jüdischer Mitbürger

+
Der in Berlin geborene und bei Köln lebende Künstler Gunter Demnig verlegte Stolpersteine in der Schulstraße. Für ihn, der in 14 Ländern Europas bereits über 50 000 solcher kleinen Mahnmale für die Opfer des Nationalsozialismus verlegte, ist dies schon lange Routine.

Eppertshausen - 23 Stolpersteine auf einen Streich ließ die gleichnamige Initiative gestern von Künstler Gunter Demnig in der Schul- und in der Hauptstraße verlegen. Beim Termin verkündete Bürgermeister Carsten Helfmann, der Stichweg zwischen Haupt- und Schulstraße, an dem auch die Gedenkstätte für die jüdischen Mitbewohner jetzt liegt, werde in Bernhard-Moses-Weg benannt. Von Thomas Meier

Die Initiative Stolpersteine Eppertshausen lässt seit 2013 die leuchtenden Erinnerungsmarken vom europaweit in dieser Mission reisenden Künstler Gunter Demnig verlegen. Ins Eppertshäuser Leben gerufen hat die Stolperstein-Verlegung Antje Pfau, unterstützt von ihrem Mann Martin Hug, ihrer Familie sowie einer Handvoll Mitstreiter aus Freunden und Bekannten. Die Aktion soll erinnern an die Menschen, die durch die nationalsozialistische Diktatur und deren Schergen aus Eppertshausen vertrieben und zum Teil auch vernichtet wurden. Der Künstler Demnig erinnert durch sein Projekt an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor deren letzten selbstgewählten Wohnorten Gedenktafeln aus Messing in den Gehsteig einlässt.

In über 1300 Orten in Deutschland und anderen Ländern Europas liegen mehr als 50.000 solcher glänzenden Erinnerungsquader, die jeweils nach ausführlicher individueller Recherche ihren Weg in den Boden fanden. Nach den Verlegungen von insgesamt neun Stolpersteinen in den Jahren 2013 und 2015 durch die Initiative erfolgte gestern Vormittag unter Beachtung von einigen Beobachtern die voraussichtlich letzte Verlegung von weiteren 23 Stolpersteinen im Ort. Kelle und Hammer schwang Demnig vor der Schulstraße 10, wo sieben Steine für die Familie Rothschild eingelassen wurden, vor der Schulstraße 12 waren es fünf für die Familie Moses, an der Hauptstraße 8 fünf für die Familien Strauss und Siegel sowie an der Hauptstraße 48 sechs für die Familie Reis.

Vor allen Verlegeorten verlas Pfau jeweils kurze Passagen aus dem Buch von Karl Müller, „Jüdisches Leben in Eppertshausen – Damit wir sie nicht vergessen“, zu den Schicksalen jüdischer Mitbürger aus Eppertshausen. Zudem spielte aus einem Lautsprecher passend das alte Lied „Die Moorsoldaten“. Es wurde 1933 von Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor bei Papenburg im Emsland geschaffen. „Mit diesen 32 verlegten Stolpersteinen sind vorerst alle recherchierbaren Schicksale der durch den NS-Terror in Eppertshausen hervorgerufenen menschlichen Katastrophen dokumentiert. Es darf nicht unerwähnt bleiben, dass diese Dokumentation nur einen kleinen Teil des Leidens umfasst, das in Eppertshausen durch den NS-Unrechtsstaat hervorgerufen wurde“, erklärte Antje Pfau.

Gedenken an die Opfer des Holocaust

Die Nachforschung, Finanzierung und Verlegung der Stolpersteine durch die Initiative sei damit zum Ende gekommen. Die Recherchen für diese Erinnerungsarbeit seien nicht möglich gewesen ohne die Aufarbeitung durch den zwischenzeitlich verstorbenen Karl Müller. Durch seine detaillierte Dokumentation der Ereignisse von damals habe er eine Form der Auseinandersetzung mit der lokalen Vergangenheit eingeleitet, die fast 80 Jahre danach eine dunkle Seite der Geschichte Eppertshausens ein wenig beleuchte. Die Initiative Stolpersteine dankte allen Unterstützern, insbesondere den zahlreichen Spendern, zu 90 Prozent von Privatleuten, die bei der Rekonstruktion des historischen Mosaiks halfen.

„Wir wünschen uns, dass in Eppertshausen nie mehr derartiges Leid geduldet wird“, schloss Pfau. Bürgermeister Carsten Helfmann ging aufs strahlende Wetter zur Verlegung ein: „Lange Zeit hatten unsere jüdischen Mitbürger in Eppertshausen auch Sonnenschein. Dann kam die Reichskristallnacht.“ Er berichtete, dass am Montagabend in einem parlamentarischen Ausschuss einstimmig positiv darüber beraten wurde, den erst kürzlich gebauten Verbindungsweg von Hauptstraße zu Schulstraße in Bernhard-Moses-Weg zu benennen. Es ist der Name des letzten Rabbis, der im Ort gelebt hatte.

Passionsspiel in Eppertshausen

Quelle: op-online.de

Kommentare