Integration streng unter der Lupe

Ernes Erko Kalac

Eppertshausen ‐ Schon als kleiner Junge begeistert er sich für Karate. Als Sechsjährigen bewegt ihn der Kniefall Willy Brandts. Mit 25 Jahren schafft er seinen Uniabschluss in Maschinenbau und Sportwissenschaften. Eine ganz normale, deutsche Lebensgeschichte? Eben nicht. Von Veronika Szeherova

Denn Ernes Erko Kalac ist in Montenegro geboren. Wegen des Kriegs floh er 1998 nach Deutschland. Seit drei Wochen ist er deutscher Staatsbürger – und ein höchst engagierter obendrein. Der Eppertshäuser ist Integrationsbotschafter des Deutschen Olympischen Sportbunds, aktiv in der Kommunalpolitik und Gründer und Vorsitzender des Gesundheits- und Kampfsportvereins Lotus.

Kalac sieht sich selbst als Musterbeispiel für gelungene Integration. Bestätigung dafür gab es schon vielfach, unter anderem den Hessischen Integrationspreis im Jahr 2006. „Ich bin ein Perfektionist“, gesteht der 46-Jährige. „Von Kindheit an habe ich gelernt, alles, was ich mache, ordentlich zu tun.“ Genau diese Eigenschaft und Fähigkeit ermöglichte ihm, sich in Deutschland seinen Platz zu erobern. Denn für ihn als Kriegsflüchtling, der damals kein deutsch sprach, waren die Rahmenbedingungen alles andere als einfach.

Sportstunde mit Körpersprache

„Die oberste Priorität war für mich, Arbeit zu finden“, erinnert sich Kalac. Er schaffte in einer Putzkolonne, am Bau, als Ladendetektiv. Doch das Glück war ihm hold: „Ich putzte in einem Fitnessstudio in Groß-Zimmern. Der Inhaber kannte meinen Namen, da ich im Kampfsport schon einige größere Erfolge zu verzeichnen hatte.“ Er habe ihn zur Probe eine Trainingsstunde mit Schülern absolvieren lassen. „Die Sprache, die ich dabei benutzte, verstand jeder sofort – die Körpersprache“, sagt er lächelnd. Kalac wurde zum Trainer ernannt. „Ich bin bis heute mit dem Inhaber befreundet, Prinz Michael von Anhalt, und ihm sehr dankbar.“ Denn er habe ihn immer unterstützt und sogar ein ungewöhnlich gutes Gehalt gezahlt.

Als er mit seinen Schülern Erfolge feierte bei der Deutschen Meisterschaft 2001 im Kickboxen, habe die Presse diese nicht veröffentlichen wollen. „Das macht sie nur für Vereine, nicht für Fitnessstudios“, erfuhr Kalac. So kam der spontane Entschluss, einen Verein zu gründen. Mittlerweile hat Lotus über 500 Mitglieder, davon mehr als 400 Kinder und Jugendliche. Etwa ein Drittel der Vereinsmitglieder sind Migranten. In den Karate-, Taekwondo- und Kickboxtrainings sind sie ganz normal in den gemischten Gruppen dabei, „wo sie natürlich mit Deutschen zusammen sind und auch auf Doktoren treffen“, wie Kalac es formuliert. So kommt es zu gegenseitigem Kontakt aller Schichten und Bevölkerungsgruppen, man hat gemeinsame Interessen und Ziele. „Sport ist der Integrationsweltmeister“, ist Kalac überzeugt.

„Wir werden streng unter die Lupe genommen“

Aufgrund seiner eigenen Erfahrung, als er sich, neu in Deutschland, nicht den monatlichen Mitgliedsbeitrag von 14 Mark in einem Verein leisten konnte, gibt es bei Lotus eine Besonderheit: Wer sich den Obolus (fünf bis zwölf Euro im Monat) nicht leisten kann, wird vom Bezahlen freigestellt, darf aber trotzdem trainieren. Sponsoren stellen die Sportkleidung zur Verfügung, Jüngere erben sie von Älteren. „Ohne ehrenamtlich Tätige ginge es nicht“, sagt der frisch gebackene Deutsche, der stolz auf seinen Verein und seine Mitarbeiter und Sportler ist. Aber das Gefühl eines „Exotenvereins“ werde er nicht los: „Ich weiß, dass wir in Eppertshausen streng unter die Lupe genommen werden.“

Ähnlich wie ein Vereinsbeitritt war ein Deutschkurs bei Kalac in seinen Anfangszeiten finanziell nicht drin. Er hat sich die Sprache selbst beigebracht durch Kontakt mit anderen Menschen: „Ich bin nach Deutschland gekommen, um hier mit den Menschen zu leben, dafür ist Sprache neben Bildung und Arbeit das Wichtigste.“

Er habe vor allem bei der Vereinsgründung mit sprachlichen und bürokratischen Barrieren zu kämpfen gehabt und hat es sich daher als SPD-Mitglied zum politischen Ziel gesetzt, dass Vereine, auch ausländische, stärker unterstützt werden, ihre Gründung vereinfacht und das Ehrenamt mehr gefördert wird. In die Politik ist er gegangen, weil er es falsch findet, nur zu kritisieren. Stattdessen sei es erstrebenswert, in der Gesellschaft mitzuwirken und mitzubestimmen.

Mit null Fehlern bestanden

„Wer in Deutschland wirklich arbeiten will, findet auch Arbeit“, ist sich Kalac sicher. Alle Möglichkeiten stünden in diesem Land offen, wenn man die nötige Mühe und genug Interesse aufbringe. „Ausländer sollten sich mit hiesiger Politik, Sprache und Kultur auskennen, arbeiten und Steuern zahlen“, sagt er. Wenn sie das nicht tun, entstünden Parallelgesellschaften, die sehr gefährlich seien. „Allerdings meine ich mit Integration keinesfalls Assimilation“, stellt Kalac klar. „Ich will nicht, dass Menschen sich ändern, sondern sie sollten, so vielfältig wie sie sind, ein Teil des Landes werden.“

Die deutsche Kultur und Gesellschaft schätzt er sehr hoch. „Man hat mir, außer hin und wieder im politischen Leben, nie das Gefühl gegeben, ein Mensch zweiter Klasse zu sein“, so Kalac. Er verdanke Deutschland sehr viel.

Und daher sei es für ihn, seit er vor zwölf Jahren zunächst nach Viernheim, dann nach Offenbach und schließlich 2005 nach Eppertshausen kam, stets das Ziel gewesen, deutscher Staatsbürger zu werden. „Ich sehe es als Ehre und einen Verdienst, diesen Schritt erfolgreich getan zu haben“, sagt er mit fester Stimme. Obwohl er dafür die montenegrische Staatsbürgerschaft aufgeben musste. „In meinem Herzen habe ich zwei Heimaten – die deutsche, in der ich lebe und in der ich meine Zukunft sehe, und die montenegrinische, wo ich geboren und aufgewachsen bin und an die ich wunderschöne Erinnerungen habe.“ Er besucht Montenegro, wo seine Mutter noch lebt, gern und regelmäßig.

Und wie hat er seinen Einbürgerungs- und Sprachtest bestanden? Mit null Fehlern.

Quelle: op-online.de

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