Wo der Kerbbaum Füße kriegt...

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Das „Eppertshäuser Doschenanner“ erinnert stark an Dieburgs Fastnacht.

Eppertshausen - Am Ballermann in Mallorca läuft der Ohrwurm „Schatzi, schenk mir ein Foto“ rauf und runter. Am Wochenende dröhnte er regelmäßig auch in Eppertshausen aus den Boxen. Die Begründung war einfach: Im Ort war Kerb. Von Michael Just

Selbst wer sich nur wenige Minuten ein Bild verschaffte, merkte schnell, dass hier mehr Herzblut an der Sache hängt als irgendwo in der Schinkenstraße.

Vier Tage wartete auf die Eppertshäuser ein volles Programm. Das begann bereits am Freitag mit dem Aufstellen des Kerbbaums. Die 13 Kerbborsche und Kerbmädchen nahmen Baum und Organisation mit Musik und Getränken selbst in die Hand.

Am Samstag folgte dann der große Kerbumzug mit den Vereinen und den Kerbjahrgängen 2009 bis 2012. Im Anschluss rockte DJ Doppelmerz die Bürgerhalle. Ruhiger gestaltete sich der Sonntag als Familiennachmittag, während am heutigen Montag nochmal aufgedreht wird: Hier steht die klassische Kerb in den lokalen Gaststätten im Mittelpunkt. Vor allem für die Jüngeren lässt sich dabei erahnen, wie es früher einmal war.

Eppertshäuser Kerb mit einem Schock gestartet

Trotz schneller Feierlaune war die Eppertshäuser Kerb mit einem Schock gestartet: Die Münsterer Kerbburschen hatten vor dem Aufstellen des Kerbbaums diesen geklaut. Trotz der Länge von 13 Metern war es den kräftigen Burschen möglich, das gute Stück mit vereinten Kräften rund 100 Meter wegzutragen und zu verstecken. Erst verschiedene Telefonate von Bürgermeister Carsten Helfmann retteten das wichtige Kerbsymbol. Trotzdem weckte die Aktion ungute Erinnerungen an das Jahr zuvor, wo der Baum von Unbekannten gefällt wurde. Ein Bekennerschreiben liegt bis heute nicht vor. „In diesem Jahr haben wir den Baum zum Schutz vor Sägen unten mit Draht umwickelt“, berichtete Helfmann.

Da wurde augenscheinlich dazugelernt. Tragen lässt sich Vorfall aber mit Fassung, da die „Kerb in Epp“ noch auf ganz jungen Füßen steht. Erst 2008 starte man damit, die Kirchweih auch wieder weltlich zu zelebrieren, nachdem sich unter dem Motto „Rettet die Kerb“ Gemeinde, Kirchen und Vereine auf ein neues Konzept verständigten. Davor gab es über 60 Jahre keine Kerbburschen. Um die letzten wirklich großen Kerbfeierlichkeiten auszumachen, muss man in der Geschichte weit zurück: Aus den 1920er Jahren gibt es Fotos, die zeigen, wie die „Zeppeliner“, die Vorgänger des OWK, zu Höchstform aufliefen.

„Ich finde es immer gut, wenn die Jugend was macht“

Unbedarft-fröhliches Aufstellen des Kerbbaums: Auch die in diesem Jahr empfohlene Drahtumwicklung schützte vor Entführung nicht.

Dass nun der Kerb wieder Leben eingehaucht wurde, freut nahezu alle Eppertshäuser. „Ich finde es immer gut, wenn die Jugend was macht“, sagte am Freitag ein 74-jähriger Beobachter beim Baumaufstellen. Und die Jugend machte was: Große Bereiche der Organisation lag in ihren Händen, dazu lenkte Rathausmitarbeiterin Melanie Hartig das Ereignis in erfolgreiche Bahnen. Dass vor allem die Kerbborschen und Kerbmädchen vom Jahrgang 93/94 kräftig feierten, versteht sich von selbst. „Wir haben uns schon vor ein paar Jahren aus schulischen und beruflichen Gründen langsam aus den Augen verloren“, erzählt Alexa Reimers (18). Mit der Kerb hofft sie, dass ein neues Bindeglied geschaffen wird, das langfristig zusammen hält. Dem Ruf, dass beim Kerbjahrgang der Alkohol strömt, will sie keinen Vorschub leisten. „Ich werde mich nicht betrinken“, kündigt die Fachabiturientin überzeugend an. Dass sie deswegen schon den Spitznamen „Die Heilige“ bekommen hat, stört sie nicht weiter.

Bleibt noch die Frage, inwieweit Revanche für den Münsterer Schachzug mit dem Baum ansteht: „Ideen hätten wir schon. Die Frage ist nur, ob wir uns wirklich auf dieses Niveau begeben wollen“, sagt Kerbvadder Michael Schledt. Damit hatte er nicht unrecht, denn die Eppertshäuser Kerb sprach in weiten Teilen für sich. Mit fast 20 Zugnummern fuhr man deutlich mehr auf als der Nachbar, dazu überzeugte die große Beteiligung der Vereine mit OWK, TAV, FVE, FVCA, Feuerwehr, Kirchenchor oder dem Tischtennis-Club. Hier hat Münster noch deutlich Nachholbedarf.

Dass sich beim Eppertshäuser Umzug eine private Fußgruppe mit schrillen grünen Kostümen „Eppertshäuser Doschenanner“ nannte, stimmte insofern nicht, da jegliches „Durcheinander“ am Wochenende nicht zu beobachten war. Im Gegenteil: Stellenweise war es schon beeindruckend, wie der ganze Ort – vom Kerbborsche bis zum Kirchenchormitglied – hinter der wiederbelebten Kerb steht.

Quelle: op-online.de

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