„28 Kinder sind kaum beherrschbar“

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Warben vor 100 Zuhörern in der Bürgerhalle Eppertshausen um Erst- und Zweitstimmen

Eppertshausen - 4,5 Millionen Hessen wählen am 22. September nicht nur den Deutschen Bundestag, sondern auch ihren Landtag. Um die Zweitstimmen von 92000 Wahlberechtigten im Wahlkreis 52 (östlicher Landkreis Darmstadt-Dieburg) bewerben sich 18 Parteien. Von Jens Dörr

Sechs von ihnen haben Direktkandidaten aufgestellt, die seit wenigen Wochen verstärkt auf Plakaten und Veranstaltungen um die Erststimmen der Wähler werben.

Am Donnerstagabend diskutierten Manfred Pentz (CDU, Groß-Zimmern), Oliver Schröbel (SPD, Groß-Umstadt), Iris-Schimpf-Reeg (Grüne, Seeheim-Jugenheim), Wilhelm Reuscher (FDP, Dieburg) und Felicitas Stummer (Piraten, Otzberg) vor 100 Zuhörern in der Bürgerhalle Eppertshausen über die den Bürger scheinbar am stärksten unter den Nägeln brennenden landespolitischen Themen. Nur Linken-Kandidat Christoph Neises (Otzberg) war der Einladung der Kolpingfamilie Eppertshausen, bei der Podiumsdiskussionen eine lange Tradition haben und für die die Vorstandsmitglieder Jörn Müller und Marcus Schledt durch den Abend führten, nicht gefolgt.

Nach einer kurzen Nennung der persönlichen Daten zu den fünf anwesenden Kandidaten hatten diese selbst je fünf Minuten Zeit für einleitende Worte. Pentz bestach dabei vor allem durch Kürze mit Würze, nutzte nur zwei Minuten. Reuscher, wie Pentz bereits im derzeitigen Landtag vertreten, riss Wirtschaft und Energie als zwei seiner Kernthemen an. Schröbel nannte zunächst das soziale Miteinander, Lehrerin Schimpf-Reeg fühlte sich merklich in der Bildung am wohlsten, Stummer beim transparenten Staat, der Netzpolitik und der Bildung.

Im Anschluss verzichteten die Moderatoren auf einen vorgegebenen roten Faden und ließen unmittelbar das Auditorium Fragen stellen. Die Besucher bestimmten dabei bis zu drei der Politiker, die auf ihre Frage antworten sollten.

Großen Raum nahm dabei die Bildungspolitik ein. Die Frage, ob nicht kleinere Schulklassen das beste Mittel für größeren Bildungserfolg seien, beantwortete Schimpf-Reeg mit einem Nicken: Es müsse „allein schon wegen der fortschreitenden Inklusion“ kleinere Klassen geben. Aus eigener Erfahrung ergänzte sie: „28 Kinder in einer Klasse, darunter einige problematische, sind eigentlich kaum zu beherrschen.“ Pentz deutete an, in Gesprächen mit Lehrern immer wieder mitgeteilt zu bekommen, dass die heutigen Schüler nicht mehr mit jenen früherer Jahrzehnte zu vergleichen seien. „Früher hat noch einer von 20 weitergemacht, wenn der Lehrer um Ruhe gebeten hat. Heute ist das Verhältnis umgekehrt.“ Dennoch habe Hessen „mittlerweile eine 105-prozentige Lehrerversorgung“ und stehe somit gut da, merkte er an. Stummer forderte „klar kleinere Klassen“. Man müsse den Lehrern „mehr Raum geben, dass Schüler gefördert werden können“.

Thematisch – und chronologisch – schloss sich die Frage nach der wünschenswerten Kinderbetreuung in Hessen und im Wahlkreis an. Seitens des Bundes und des Landes seien dafür „Milliarden ausgegeben“ worden, so Pentz. Auch im östlichen LADADI gebe es inzwischen eine „35-prozentige Versorgung mit Betreuungsplätzen“. Reuscher als Pentz’ Koalitionspartner in Wiesbaden wies darauf hin, dass „95 Prozent der hessischen Grundschulen inzwischen ein Ganztagsangebot“ hätten. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass dieses „nur von 35 Prozent angenommen“ würde. Conclusio der Hessen-FPD: „Wir lehnen die gebundene Ganztagsschule ab und halten es für sinnvoller, die Wahlfreiheit zu geben.“

Das recht gemischte Publikum in Eppertshausen interessierte sich des Weiteren für die hiesige Versorgung älterer Menschen. Schröbel erläuterte, dies sei eine „sehr komplexe Geschichte“. Da viele ältere Menschen „möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen“ wollten, müsse den Angehörigen – wie bei der Kleinkinder-Betreuung schon gelungen – die Pflegemöglichkeit erleichtert werden. Zudem müsse man wieder mehr Ärzte aufs Land holen, was auch durch finanzielle Anreize – etwa Änderungen in den Gebührenordnungen – erreicht werden könne. Für den Wahlkreis 52 stellte Pentz „eine Überalterung der Landärzte“ fest, die vor allem in den nächsten Jahren, wenn wohl nicht genügend Nachfolger für in Rente gehende Mediziner anstünden, spürbar werde. Noch sei es allerdings im östlichen LADADI – verglichen etwa mit Regionen in Nordhessen – weitgehend im Lot mit der medizinischen Versorgung.

Stellung nahmen die Kandidaten auch zu konkreten lokalen Projekten. Pentz zeigte Verständnis für die Proteste der Dieburger, Münsterer und Altheimer gegen den geplanten Großlagerbau des Unternehmens Fiege am „Dieburger Dreieck“. Eine Abwanderung hiesiger Unternehmen gen Westkreis, wie von einem Bürger wahrgenommen, mochten die befragten Kandidaten unisono nicht festgestellt haben. Ein positives Beispiel für den relativ starken Landtags-Wahlkreis 52 sei der gut vermietete „Park 45“ in Eppertshausen.

In Sachen Ausbau der Bundesstraße 26 sei man von der lokalpolitischen Arbeit Babenhausens abhängig. Pentz, von den Bürgern am häufigsten um eine Antwort gebeten, brachte auch das Thema Nordostumgehung Darmstadts ins Gespräch, um sogleich Hoffnungen auf eine Lösung zu nehmen: „Das Kind ist aktuell in den Brunnen gefallen.“

Quelle: op-online.de

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