Wo King-Kong auf Tarzan trifft

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Sich im Unterricht gemütlich hinlegen und schmökern - das geht nur in der Lesewoche.

Eppertshausen ‐ 9.42 Uhr. Der Schulhof ist leergefegt. Fast. Zwei Jungen treten aus dem von Baugerüsten eingefassten Teil der Stephan-Gruber-Schule. Sie wirken etwas orientierungslos. Von Jenny Westphal

Leon, André, was ist mit euch?“, ruft Iris Barnitzke, die Grundschullehrerin hat die beiden entdeckt. „Es waren schon alle Stühle besetzt“, antwortet Leon. Er klingt ein wenig kleinlaut. „Dann kommt mit in die Stadtbücherei“, schickt Barnitzke die beiden Grundschüler ins Obergeschoss. Es herrscht keineswegs Stuhlknappheit am Eppertshäuser Bildungstempel, sondern es ist Lesewoche an der Gruber-Schule. Fünf Tage lang dreht sich hier fast alles ums gedruckte Wort. Lehrer und Eltern lesen den Kindern jeden Tag 20 Minuten vor. Morgens suchen sich die Schüler aus, welcher Geschichte sie lauschen wollen.

Leon und André hören in der Schulbücherei von „King-Kong, dem Schulschwein“. Neugierig schielen die Kinder neben Vorleserin Ulrike Weickert ins Buch, prüfen, ob sie auch ja nichts auslässt und werfen einen Blick auf die Illustrationen. Manche legen die Stirn in Falten, als sich Jan-Arne und Michi darüber streiten, ob nun Meerschweinchen oder Hund das coolere Haustier sei. Und als Jan-Arne seinen Schulranzen entrümpelt, um Platz zu schaffen, wissen sie längst, was er damit anstellen will: das Meerschweinchen King-Kong in die Schule schmuggeln. Das geht auch mit Hunden – vorausgesetzt, es handelt sich um Minipudel oder Dackel, klären ihre aufmerksamen Zuhörer Ulrike Weickert auf. Es ist ihre Premiere als schulische Vorleserin. Übung hat die zierliche Eppertshäuserin dennoch reichlich: Tochter Sarah – selbst eine begnadete Vorleserin – geht bereits in die fünfte Klasse. Mit King-Kong hat Sarah im vergangenen Jahr den Lesewettbewerb an der Gruber-Schule gewonnen.

Buch als Gegenpol zur heutigen Medienwelt wichtig

Wie es ihr bei ihrer Tochter gelungen ist, will Weickert auch bei anderen Kindern, die Lust am Lesen her auskitzeln. „Ich glaube, dass das Buch als Gegenpol zur heutigen Medienwelt wichtig ist“, sagt die Eppertshäuserin. Immer wieder stößt man in der Lesewoche auf Astrid Lindgren. Katja Simon verbeugt sich tief vor der vielleicht größten Kinderbuchautorin: Ihre Klasse beschäftigt sich in der Lesewoche mit „Die Kinder aus Bullerbü“. Hat ein Schüler genug von Bullerbü, findet er auf einem Büchertisch im Klassenraum eine reiche Auswahl an Lindgren-Werken. Darunter auch das einzige für Erwachsene geschriebene „Das entschwundene Land“.

Es ist große Pause, die Kinder frühstücken. „Darf ich jetzt was lesen?“, fragt ein schüchternes Mädchen mit langen dunklen Haaren. Ihre Brotbüchse hat sie wieder verstaut. Katja Simon schickt sie in die Leseecke. Am hinteren Ende des Containerraums liegt ein weicher, warmer Teppich, ein paar Kissen sind ebenfalls griffbereit. Einige Kinder haben bereits ihre Schuhe ausgezogen und es sich dort bequem gemacht. Wie Hühner auf einer Stange sitzen sie an der Rückwand lehnend und die Nasen in ihre Bücher vergraben. Einige sind so vertieft, dass sie nicht einmal auf das Blitzlicht der Fotokamera reagieren.

Ihre Projekte aus der Lesewoche stellen die Stephan-Gruber-Schüler heute ab 15 Uhr ihren Eltern, Großeltern und Mitschülern vor.

Leonie ist am Tisch geblieben. Sie schreibt die Titel aller Astrid-Lindgren-Bücher, die sie kennt, auf die Titelseite ihres Arbeitsheftes. Das dürfen die Schüler, erzählt Simon. Das Arbeitsheft mit Fragen, Rätseln und Aufgaben rund um die schwedische Autorin hat die Lehrerin eigens für die Lesewoche zusammengestellt und gebunden. Das Heft mit dem roten Umschlag birgt auch einige leere Seiten. „Auf denen können die Schüler ihre eigenen Ideen und Projekte gestalten“, erläutert Simon. „Sie schaffen wirklich gut, sie sind sehr arbeitswillig“, ergänzt sie, ihre blauen Augen funkeln stolz. Leonie gegenüber beugt sich Conca über das Arbeitsheft und blättert in den „Kindern aus Bullerbü“. Sie sucht nach der Antwort, warum Lasse aus Bullerbü unbedingt Drehrumdiebolzen-Ingenieur werden will. „Ich glaube, das steht hier nicht“, flüstert sie. Endlich hat sie die erhellende Textpassage gefunden. Sie strahlt übers ganze Gesicht und trägt rasch die Antwort ins Heft ein.

Während der Lesewoche verzichtet Simon sogar gänzlich auf Fachunterricht, so wichtig ist ihr das Lesen. Nur an Mathe kommen ihre Schüler selbst dieser Tage nicht vorbei. Dennoch lesen die Schüler nicht ununterbrochen. Sie basteln, malen oder spielen mit Stabpuppen. Aufs Stichwort greifen einige Schüler zu den Puppen. „Ich bin Ole“, „Ich bin Lisa“, dringen Stimmen aus dem Pulk. „Sie spielen auch in der großen Pause Bullerbü“, verrät Katja Simon schmunzelnd.

Quelle: op-online.de

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